Unter der Sonne Andalusiens

In totalem Tonwechsel hat Eva-Maria Lerchenberg-Thöny die Tragödien von Garcia Lorca “Bluthochzeit“ (Musik: A. Piazzola, Spanische Orgelmusik von T.L. de Victoria) und “Yerma“ (Musik: Bert Breit ) am Staatstheaters Braunschweig präsentiert.

Bluthochzeit / Yerma, Staatstheater Braunschweig, 31.10.2008.

Die beiden Werke von Lorca aus den Jahren 1933 und 1934 gehören mit “Bernardo Albas Haus“ (1936) zu seiner ländlichen Trilogie, Es sind tragische Liebesgeschichten, die über die Rolle der mediterranen Frauen in dieser Zeit sprechen. In „Bluthochzeit“, das wohl bekannteste Werk des Autors, sind die theatralischen Elemente orchestral dargestellt. Prosa und Poesie dienen der Essenz des Dramas. „Yerma“ ist hingegen das vielleicht stärkste poetische Werk des großen Schriftstellers. Im Gegensatz zu „Bluthochzeit“ ist „Yerma“ keine Erzählung im eigentlichen Sinn, sondern eine tragische Dichtung, wie Lorca sie auch im Untertitel beschrieben hat: Poema Tragico. Der Konflikt spielt sich im Innenleben ab.

Bluthochzeit
Der Zuschauerraum des kleinen Hauses ist mit Kirschbänken möbliert. Deutlich ist die Enge der katholischen Kirche zu spüren.
Auf der hinteren Bühnenmitte ist ein Kreuz platziert, vielmehr eine Skizze der Christusfigur, die nicht ablenkt, sondern die Konzentration auf das Bühnengeschehen verstärkt. Heruntergebrannte Kerzen links der Bühne, die in halber Dunkelheit über der Erwartung der Zuschauer vibrieren, rechts oben eine Gestalt, eine archaische alte Mutter-Figur, in diesem Fall eine Bäuerin. Die Personen bevölkern den Raum, entzünden die Kerzen, die noch intakt geblieben waren. Stille, Spannung. Alle sind in schwarz gekleidet außer dem Bräutigam. Sie knien nieder zu Klängen von Orgelmusik, nach und nach zeigen sich die Charaktere. Sandra M. Lopez, die Braut, hat eine spezifische Dynamik, introspektiv und genau zur Person, die sie darstellt, passend. Als Leonardo, ehrlich wie kein anderer, ist Gino Abet unwerfend - es entspinnt sich ein wunderbares, überaus sinnliches Duo zwischen Leonardo und der Braut. Dann werden Sätze aus Garcia Lorcas Texten rezitiert, fabelhaft: Irineu Marcovecchio in der archaischen Rolle der Urmutter.
Die Handlung ist kondensiert. Die Szenen sind kompakt, gefangen im Raum und in der dramatischen Entwicklung. Leonardo und der Bräutigam kämpfen miteinander wie zwei Stiere. „Ein Messer, nur ein kleines Messer - es war geschrieben, dass sich zwischen zwei und drei Stunden zwei Männer umbringen werden.“ Die Mutter des Bräutigams wusste es. Zwischen der Leidenschaft (Leonardo, Braut) und der Familienpflicht (Bräutigam, Braut) steht das Blut für das Verhängnis der Tragödie. Der Schrei der Erde ist jetzt stumm und das Kreuz leuchtet in intensiven Rot .
Das Ensemble, besonders Jiri Kobylka und Marc Cloot agierten mit eindringlicher Intensität.

Yerma
Von der Dunkelheit zum Licht. Ganz hinten auf der Bühne eine kleine Insel - die archaische Figur der Urmutter ist jetzt stumm, ohne Bewegung, beobachtend, und verbindet so die beiden Werke.
Das Kind und die Junge Mutter sind seitlich von goldenem, zärtlichem Licht angestrahlt - Reinheit und Illusion. Und „Yerma“ im grünen Kleid, sitzt einsam auf der Insel, paradox in ihrer Hoffnungslosigkeit. Die „romaría“- eine Wallfahrt - beginnt zu Musik volkstümlicher spanischer Märsche. Gestalten in langen violetten Kappen und Kapuzen gehen durch eine lange, bedrohliche Diagonale. In der poetischen Erzählung von „Yerma“ ist die „romaría“ der einzige realistische Moment- aber auch dieser scheint irreal zu sein .
Die Geschichte handelt von einer unfruchtbaren Frau, die sich leidenschaftlich ein Kind wünscht, ihr Mann aber nicht. Das ist eine fragenwürdige Situation für die Familie und die Gesellschaft Spaniens, vor allem im Andalusien jener Zeit. „Mit Sicherheit wollte Lorca nicht über den Kinderwunsch sprechen, aber über diese aussichtlose Beziehung“ sagt Eva-Maria Lerchenberg-Thöny. „Viele unfruchtbare Frauen kamen von der Wallfahrt schwanger zurück. Es war sicherlich kein Wunder Gottes. Die meisten dieser Frauen haben in Zelten geschlafen- die Jungen von den Nachbardörfern wussten es und warteten nur darauf “, erklärt die Choreographin.
Die Romaria hat deshalb eine große Bedeutung in diesem Stück. Sowie ein erotisches, wunderschönes Duo wurde für einen Mann (F. Holeva) und eine Frau (D. Indrizzi), getanzt in hautfarbener Unterwäsche. In diesem Liebesakt zwischen den Reihen der Wallfahrer verschmelzen die Körper in goldenem Licht. Doch die zerstörerische Beziehung zwischen Yerma und Juan, der Machtkampfes zwischen den beiden lässt bis zu Juans Tod nicht nach.
Die Verbindung von „Yerma“ und „Bluthochzeit“ ist dramaturgisch sehr gut gelöst. “Beide Frauen gehen vollkommen unterschiedliche Wege, die Braut will sich unterwerfen, aber sie kann es nicht, weil ihre Gefühle sehr stark sind. Sie bricht die Traditionen und erlebt einen Moment der Freiheit, von Liebe mit Leonardo. Ihr war es diesen Kampf Wert. Yerma hingegen gibt sich auf, sie hält alles für verloren“, sagt Lerchenberg-Thöny.
In „Yerma“ hat sich die Choreographin selbst übertroffen, in dem sie sich poetisch an diese Frauengestalt annähert. Die plastische Schönheit der Bilder und die Nüchternheit der Erzählung unterstützen die Dramatik der Wallfahrt.
Als Yerma wieder zu ihrer kleinen Insel der tragischen Einsamkeit zurückkehrt, ist das ein Moment der unwirklich erscheint. Meine Augen brennen wie die Sonne der Erde von Andalusien.
Yerma wird hervorragend von Adriana R. de Souza interpretiert, hat in dieser Rolle die Gelegenheit ihr immenses Talent zu zeigen - poetisch und grausam, zärtlich und verloren interpretiert ist ihre Yerma. Jiri Kobylka (Juan) ist wie immer ausgezeichnet - mit Vergnügen erniedrigt er seine Frau. Das gut durchdachte Bühnenbild und die Kostüme stammen von Peter Jeremias.
An beiden Stücken haben das Potenzial des Ensembles sowie die Choreographie von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny beeindruckt.

Celi Barbier

Online am: 10.12.2008, © www.tanz.at