Die Stunde des Stiers

Israel Galván verblüfft und verführt mit Flamenco in der Arena.

Arena, Festspielhaus St. Pölten, 16.11.2008.

Sechs Szenen führen das Publikum mitten in die Welt des Stierkampfs. Ein Fest der Gewalt und Gefahr, auch des Schmerzes, der Hitze und oft des Todes. Israel Galván, spanischer Choreograf und Bailor, Superstar des Flamenco nuevo, setzt sich in „Arena“ mit der Corrida, dem nationalen Schlachtfest, auseinander. In seiner fulminanten von Gitarren und Palmas, aber auch Pauken, Trompeten und einem Klavier begleiteten Darbietung, ist er Stier und Toreador, disziplinierter Kämpfer und ungezähmte Natur zugleich. Die sechs Szenen tragen die Namen „bekannter“ Stiere, die das Leben eines Stars der Arena auf dem Gewissen haben. Sechs Stiere, so schreibt es die strenge Choreografie einer Corrida vor, werden im Abstand von 20 Minuten in gedritteltem genau festgelegtem Ablauf (Tercios) getötet. An diesen Ablauf hält sich auch Galváns Choreografie. Nur ein Hinweis darauf, wie fein gesponnen „Arena“ ist.
Israel Galván lässt es nicht zu, dass sich die ZuschauerInnen passiv zurücklehnen. Er bezieht sie (auch mit Hilfe eines Videos aus der Stierkampfarena) von Beginn an in sein wildes Spiel mit ein. Ein wunderbares Gedicht von Federico García Lorca zum Tod seines Freundes, des Matadors Igancio Sánches Mejias durch den Stier Grananino (Rhythmus pur auf Holz in der entsprechenden Szene) am Nachmittag um fünf Uhr (1934). In monotoner Klage beschwört Lorca in seinem Gedicht den „Nachtmittag um fünf Uhr“ als Metapher des Todes. Leider hat sich niemand die Mühe gemacht, eine Übersetzung des Gedichtes im Programmheft abzudrucken, so dass allen, die weder des Spanischen mächtig noch mit dem Stierkampfritual vertraut sind, einiges an Zusammenhängen und Assoziationen entgangen ist. Allerdings macht Galván diesen möglichen Mangel mit seiner Bühnenpräsenz, der Präzision seiner rasend schnellen Bewegungen, den klopfenden Füßen und schnalzenden Fingern, dem Hämmern mit den genagelten Schuhen, dem durchgebogenen Körper (sowohl die Haltung des Flamencotänzers als auch des Toreros in seinem prächtigen Kostüm), dem rasanten Tanz mit einem auf Kufen schaukelnden Stuhl und der abschließenden Parade zum bekannten Paso Doble, Apotheose des Matadors und des Stiers, mehr als wett. Eindrucksvoll zeigt er wie eng der Tanz (Flamenco) mit dem Kampffest (der Corrida) verwandt ist und löst sich in seinem Tanz doch von den strengen Regeln ohne die Wurzeln zu verleugnen. Dabei erzählt Galván keine Geschichten, verzichtet auf narrative Elemente, verlässt sich ganz auf die unmittelbare Wirkung der Bewegungen und den Ausdruck der Gefühle durch den konzentrierten Tanz.
Israel Galván ist nicht nur ein Meistertänzer sondern auch ein Meisterchoreograf, mit seinen Musikern (am Gastor, dem aus einem Horn geformten Dudelsack: Mercedes Bernal) und sparsam eingesetzten Darstellern schafft er es, in keiner der 90 Minuten Langeweile aufkommen zu lassen - im Gegenteil, das Publikum wird emotional gepackt und aufgewühlt. Flamenco ganz neu, wie man ihn nicht erwartet und noch nie gesehen hat, Flamenco unkonventionell, avantgardistisch und doch echter Flamenco. „Für seine Fähigkeit, in einer Kunst wie dem Flamenco etwas Neues zu erschaffen, ohne die wahren Wurzeln zu vergessen, die den Flamenco heute nähren“, hat Israel Galván die höchste Tanz-Auszeichnung Spaniens, den „Premio Nacional de Danca“ erhalten.

Ditta Rudle

Online am: 25.11.2008, © www.tanz.at