Stumm inszeniertes Konzert

Xavier Le Roy choreografiert für Luftinstrumente

More Movements für Lachenmann, Tanzquartier Wien, 05.11.2008.

Wie sehr Musizieren auch mit Körpersprache verbunden ist, wissen Konzertbesucher/innen genau. Besonders Kammermusiker/innen steht ein reiches Repertoire an Gestik und Mimik zur Verfügung, womit sie ein vollkommenes Tanztheater aufführen können. Xavier Le Roy, einst Zellbiologe, hat diese zweite Ebene des Musizierens nun auch für sich entdeckt. Schon 2005 hat er in einer Produktion der Wiener Taschenoper Bernhard Lachenmanns vor 30 Jahren entstandenes Gitarrenduo „Salut für Caudwell“ choreografiert in dem er die Gesten der Musiker zerlegt und neu zusammengesetzt hat (siehe Kritik 2005). Danach beschäftigte er sich mit der einprägsamen Gestik von Sir Simon Rattle, der Strawinskys „Sacre du printemps“ dirigiert (siehe Kritik 2007). Nun ist Le Roy wieder zu Lachenmanns konkreter Musik zurückgekehrt und zeigt noch mehr Bewegungen, „More Movements“.
Bei „Salut für Caudwell“ wird im Doppel gearbeitet - Barbara Romen und Gunter Schneider spielen hinter schwarzen Paravents, Tom Pauwels und Günther Lebbing schlagen, zupfen und streicheln im Vordergrund als sichtbares und sichtbar angestrengtes Duo tonlos die Luftgitarre. Im anschließenden „Gran Torso“ (entstanden 1972) legen die StreicherInnen (Annette Bik, Sophie Schafleitner, Violine; Dimitrios Poisoidis, Viola; Andreas Lindenbaum, Violoncello) nach einer kurzen Introduktion gemeinsam mit den vier GitarristInnen die Instrumente weg und werden zu MusikomimInnen. Die Gitarrenvirtuosen sind samt Dame geflohen. Können die verdrehten Gesten, die Lachenmanns Partitur von den MusikerInnen fordert, anfangs noch den unhörbaren (doch zuvor empfangenen) Geräuschen zugeordnet werden, so entfernen sich die Bewegungen immer mehr von einer instrumentalen Klangwelt. Die lautlos Musizierenden kratzen nicht mehr ihre Instrumente, sondern Kopf, Bauch und Knie, springen unvermutet vom Hocker, um Finger schnippend ausdruckslos ins Publikum zu starren. Schon im Gitarrenduo erinnert das Bemühen der zu Mimen gewordenen Musiker/innen an das wunderbare Duo Jonathan Burrows & Matteo Fargion. Auch sie machen für die Augen, was für Ohren konzipiert ist, bewegen sich jedoch zu ihrer eigenen Partitur mit Leichtigkeit und Ironie in köstlicher Harmonie. Dies alles fehlt der Inszenierung Le Roys. Die MusikomimInnen haben keine Freude am stummen Spiel: todernste Mienen, verkrampfte Arme, verschraubte Körper, kein Funke springt über. Irgendwie klingt der Applaus nach Erlösung.

Ditta Rudle

Online am: 13.11.2008, © www.tanz.at