Erzählen ohne Zunge |
Nikolaus Adler führt die homunculus-TänzerInnen auf höchstes Nieveau |
oedipus is complex, "Berührungen" im Wiener Odeon, 30.10.2008. |
Zum Abschluss des Festivals Berührungen. Tanz vor 1938 - Tanz von Heute zeigte der ehemalige Staatsoperntänzer und Choreograf mit den hervorragenden TänzerInnen von homunculus eine Paraphrase zur griechischen Oedipus-Sage. Adler mythisiert nicht, versetzt den unschuldig Schuldigen mit einigen Assoziationen (Partystimmung, Nightquiz) ins Heute und erzählt die Geschichte mit kaltem Blick von außen. Nicht nur Oedipus ist komplex, sondern auch die Fragen die Adler mit seiner Choreografie aufwerfen will. Fragen nach Schuld und Vergebung, nach Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Sühne. Da kommt er ohne Text nicht aus, der teils vom Tonband (unartikuliert gesprochen - Oedipus hat sich nicht nur entmannt und die Augen ausgestochen, sondern auch die Zunge herausgerissen - ein blutiges Schauspiel auf der Bühne) wird, teils als Leuchtschrift über die Lichtschiene läuft. Eine Lösung kann er dennoch nicht bieten. Ist auch nicht notwendig. Die Geschichte, im Rückblick erzählt, ist ohnehin eindringlich genug und eigene Gedanken sind unvermeidbar. Nicht zuletzt die an Schuld und Sühne einer anderen, vergangenen und gern verdrängten Zeit, an die auch das mit 33 Veranstaltungen erfolgreiche Festival erinnern soll. Das wahre Erlebnis dieser Aufführung sind die Tänzerinnen (Martina Haager, als Gast Anna Hein, Karin Steinbrugger) und Tänzer (Amadeus Berauer, Kun-Chen Shih sowie Boris Nebyla und Karl Schreiner als Gäste von homunculus), die Adlers ideen- und detailreiche Tanzsprache mit Anklängen an die Moderne (und der Einbeziehung des von Haager rekonstruierten und getanzten Solos von Rosalia Chladek Tanz mit dem Stab) aufregend direkt umsetzen und das zeigen, was Tanz kann, Gefühlszustände - Lust und Leidenschaft, Abscheu und Ekel, Scham und Zorn und auch Verzweiflung. Adler arbeitet mit harten Griffen, brutalen Pas de deux und einprägsamen Bildern. Auf der großen nahezu leeren Bühne des Odeons bewegen sich die TänzerInnen zwischen und auf drei weißen Liegen (Raum-Idee: Ariane Unfried) in immer neuen Konstellationen und Empfindungsausdruck als ProtagonistInnen einer aufwühlenden Geschichte, die auch der zitierte kalte Schnee nicht zudecken kann. Zur Gesamtwirkung des Abends tragen auch die von Corinne Rusch in Weiß, Dunkelgrau und ganz wenig blutigem Rot gestalteten Kostüme bei. Nikolaus Adlers choreografisches Talent ist unbestritten (und bereits preisgekrönt), dass es dem ganzen Abend mitunter an Dichte mangelt, sei verziehen. Die Uraufführung der eigens für Berührungen geschaffenen Choreografie war alles in allem ein würdiger und eindringlicher Abschluss des Festivals. Die Gelegenheit zu komprimieren und retouchieren wird sich bei weiteren Aufführungen sicher ergeben. |
Ditta Rudle |
Online am: 01.11.2008, © www.tanz.at |