Vertrackter Mayerling |
Kenneth MacMillans Choreogafie über den österreichischen Kronprinzen Rudolf und Mary Vetsera kommt dreißig Jahre nach seiner Entstehung nach Wien |
Mayerling, Wiener Staatsoper, 31.10.2008. |
Das britische Königshaus ist in seiner Geschichte reich an Skandalen und Geschichten, doch 1978 haben Sir Kenneth MacMillan der Freitod des österreichischen Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten Mary Vetsera inspiriert. Keine Frage, dieses Ballett, bei dem es um einen Vorfall heimischer Geschichte geht, der bis zuletzt von Verschwörungstheorien begleitet wird, gehört ins Repertoire der Wiener Staatsoper. Leider kommt es um 30 Jahre zu spät und hat heute eher tanzhistorische Bedeutung - und das ganz abgesehen von der altmodischen Ausstattung von Nicholas Giorgiadis, die die Wiener Staatsoper von den Budapestern abgekauft hat (wo der damalige und jetzige Wiener Ballettchef Gyula Harangozó das Werk ins Repertoire holte). Mayerling hat deutliche, choreografische und dramaturgische Schwächen (im Gegensatz zu MacMillans noch immer häufig getanzten und an verschiedenen internationalen Opernhäusern einstudierten Balletten Manon - ebenfalls im Repertoire der Wiener Staatsoper - und Romeo und Julia). Es gibt zu viele Rollen, die den Handlungsablauf unnötigerweise verkomplizieren. Und ebenso kompliziert sind die Verrenkungen der Pas de deux, deren Schwierigkeitsgrad auch chinesische Zirkusakrobaten fordern würde. Das alles lenkt von der Essenz des Balletts, die der Choreograf im Sinne hatte, ab. Der emotional-seelische Zustand kann in der karikaturhaften Zeichnung der Charaktere nicht gelingen. 1978 mag diese vertrackte Tanzsprache geschätzt worden sein, mittlerweile haben aber Choreografen zu weit aufregendere Mittel gefunden, um psychische Ausnahmezustände zu charakterisieren. Mit dieser einzigen großen Premiere der Saison 2008/2009, bleibt das Ballett der Wiener Staatsoper und Wiener Volksoper also weiterhin seinem Retro-Look treu. Robert Tewsley gab einen egomanischen, von Syphilis und Drogen zerstörten und ständig am Rande des Wahnsinns balancierenden Rudolf, der wenig Sympathien weckte. Irina Tsymbal als Mary Vetsera ist gleichzeitig provokante als auch mitfühlende Gefährtin. Für die komplizierten Pas de deux mit den extravaganten Hebungen und Überwürfen wünscht man sich allerdings eine wendigere Tänzerin. Sehr überzeugend im Rahmen ihrer überzeichneten Charaktere agierten Karina Sarkissova (Mizzi Caspar), Ketevan Papava (Gräfin Larisch), Brenda Saleh (Kaiserin Elisabeth) und Michael Sosnovshi (Bratfisch). Die Musik von Franz Liszt, arrangiert und orchestriert von John Lanchberry, klang unte der Leitung von András Déri mit melodramatischer Intensität aus dem Orchestergraben.
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Edith Wolf Perez |
Online am: 01.11.2008, © www.tanz.at |