Geschichte aus der heutiger Sicht |
Renato Zanella interpretiert das Leben von Margarete Wallmann als erste Uraufführung beim Festival Berührungen |
Wallfrau, Odeon, 09.10.2008. |
Bevor der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg die österreichische Kultur vernichtete, gab es eine kleine, aber doch sehr lebendige moderne Tanzszene, die sich Anfang des letzten Jahrhunderts vor allem in Wien etabliert hatte. Die Tanzhistorikerin und -autorin Andrea Amort unternimmt nun mit dem Festival Berührungen. Tanz vor 1938 - Tanz von heute den Versuch, diese Geschichte mit einem dichten Programm zu reflektieren - mit Vorträgen, Filmen und Abendvorstellungen, das sich sowohl aus Rekonstruktionen historischen Materials als auch aus von der Geschichte inspirierten, neuen Stücken zeitgenössischer ChoreografInnen besteht. Der ehemalige Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, Renato Zanellas, beschäftigte sich in Wallfrau mit seiner Amtskollegin von 1933-1938, Margarete Wallmann. Wallmann (1901-1989) war vor allem erfolgreiche Opernregisseurin, aber offensichtlich politisch nicht interessiert oder informiert. 1932 trat sie aus dem Judentum aus, 1989 erzähelte sie in einem Interview mit dem ORF ungezwungen davon, dass eines ihrer Stücke angeblich Goebbels Lieblingsballett war. Zanella versucht, sich in dieser Hinsicht zu positionieren: Er lässt die Interviewpassage mit dem ORF in O-Ton einspielen und bringt im Programmheft eine Anmerkung zum derzeitigen Rechtsruck an. Abgesehen davon, passieren jedoch die Stationen im Leben der von Max Reinhardt als Wallfrau bezeichnete Choreografin/Tänzerin Revue: als Chefin des Opernballett, der Unfall, der ihre Tänzerinnenkarriere beendete, ihr Exil in Argentinien. Das Serapions-Ensemble zeichnet karikaturhaft das gesellschaftliches Umfeld, und obwohl Jolantha Seyfried sich bemüht, der Figur dramatisches Lebens einzuhauchen, bleibt sie flach. Auch die eingespielten Texte können nicht vermitteln, wie Wallmann wirklich tickt. Einzig der Gesang von In Choi bringt emotionale Höhen im seltsam unterkühlten Geschehen. Zanella bleibt wohl zu eng an der Biografie der Protagonistin kleben und scheut einen eigenen Zugang zur Person Wallmann.
Das Festival Berührungen läuft noch bis 31. Oktober 2008 Nähere Infos: www.odeon-theater.at
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Edith Wolf Perez |
Online am: 13.10.2008, © www.tanz.at |