Contenance zuerst |
John Neumeier setzt die zeitlose Geschichte um Unschuld, Leidenschaft und sinnliches Begehren bei seiner Neuinszenierung der Josephslegende in ein exquisites modernes Setting. |
Josephslegend / Verklungene Feste, Hamburg Staatsoper, 18.09.2008. |
Während Maestro Neumeier neben der Choreografie auch für die Inszenierung, das Bühnenbild und das Lichtkonzept verantwortlich zeichnet, legt er die Kostümentwürfe in die Hände von Albert Kriemler - unter dem Label Akris ein in Modedesignkreisen sehr bekannter Name. Die Damen werden von ihm in elegante fließende Abendkleider aus edlen Stoffen gehüllt; die Herren tragen fast durchgehend schwarze Anzüge; nur Potiphar trägt Turban und Pluderhosen und setzt damit exotische Akzente als Gastgeber. Die Bühne wird hier karg mit wenigen Stücken ausgestattet - Diwan, Sitzlandschaft, Perserteppich, Luster, zwei drehbare Wandelemente charakterisieren den Palast Potiphars. Die Wiener Premiere in der Ausstattung des Malers Ernst Fuchs von 1977 kennend, macht der Vergleich bzw. die Weiterentwicklung auf die Umsetzung dieses Stoffes besonders neugierig. Judith Jamison war damals vollblütig, von katzenhafter Geschmeidigkeit und fast animalischer Sinnlichkeit, Kevin Haigen der glaubhaft naive unerfahrene Knabe, der in seiner Unschuld von den heftigen Avancen durch Potiophars Weib überrumpelt wird. Karl Musil als strahlender Engel glänzte fast überirdisch schön und Machtmensch Potiphar wurde vom virilen Franz Wilhelm überzeugend verkörpert. Knapp 30 Jahre später werden die handelnden Charaktere von den heutigen Protagonisten ganz anders dargerstellt. So brodeln bei der herb-kühlen Kusha Alexi als Potiphars Weib (auch im 21.Jahrundert noch namenlos) ihre Gefühle und Sehnsüchte sehr tief unter der Oberfläche der gelangweilten Contenance, lässt sie nach anfänglichem Desinteresse an den Geschehnissen auf dem Fest im Palast ihre Emotionen gleichsam als eruptiven Liebesanfall erst spät herausbrechen, bevor sie den Sinneswandel zur Läuterung durchlebt. Alexandre Riabko ist als Joseph so durchdrungen von seinem Sendungsbewusstsein, trägt er seine gelebte Nächstenliebe so leuchtend von innen nach außen, dass er gleichsam falsch verstanden wird. Der ihn beschützende Engel in der Person von Edvin Revazov ist hier ein starker Begleiter, der Joseph seine Mission nicht vergessen lässt. Amilcar Moret Gonzales verkörpert als Potiphar den maskulin-dominanten Herrscher, dessen Geste bereits Gesetz ist - da bedarf es nicht einmal der Worte. Alle drei Männer sind kraftvoll-athletisch mit wunderbar modellierten Adonis-Körpern, die in den minimalistischen, aber Rollen-entsprechenden Kostümen ihre Ausdrucksstärke allein durch ihr Erscheinungsbild noch zusätzlich untersteichen. Das Corps de ballet trägt mit Verve dazu bei, die Aufführung zum außergewöhnlichen Erlebnis zu machen - ebenso wie die Philharmoniker Hamburg, die unter der Leitung von Christoph Eberle die Musik von Richard Strauss herrlich zum Klingen bringen. Nach der Pause steht mit Verklungene Feste ebenfalls ein Fest im Mittelpunkt des Geschehens, wird dazu ebenfalls Musik (in Auszügen aus verschiedenen Werken) von Richard Strauss gespielt. In dieser zwar handlungslosen aber doch pointierten Beziehungsanalyse à la Neumeier (Uraufführung ebenfalls im vergangenen Juni) lässt er die fünf Hauptpaare (Catherine Dumont/Carsten Jung, Carolina Agüero/Yohan Stegli, Hélène Bouchet/Thiago Bordin, Joëlle Boulogne/Ivan Urban und Silvia Azzoni/Peter Dingle) unterstützt vom Corps de ballet eloquent und mit flinker Fuß- und Beinarbeit, zahlreichen Sprüngen und Hebungen die Hochs und Tiefs der verschiedenen Stadien im Zusammensein von Mann und Frau interpretieren. Versetzt mit einem Schuss Ironie und Witz geht es hier um ästhetischen Tanz und klare Schönheit. Praktischerweise finden die drehbaren Bühnenelemente aus dem ersten Teil des Abends hier wieder Verwendung, tragen die Damen Cocktailkleider in Farbtönen von rosa bis rot und die Herren erneut schwarze Anzüge (Kostüme: Akris). Das interessierte Publikum war sehr begeistert und applaudierte heftig. - Auch der im Zuschauerraum anwesende John Neumeier wirkte sehr zufrieden mit der Darbietung seiner Compagnie.
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Ira Werbowsky |
Online am: 01.10.2008, © www.tanz.at |