Minimales Schwelgen in barocken Klängen

Die schwarz-weiße Ausstattung von Lukas Hemleb gab die Bühne frei für ein Fest der SängerInnen, der Tanz kam bei „Ariodante“ im Theater an der Wien jedoch zu kurz.

Ariodante, Theater an der Wien, 18.09.2008.

So kurz können vier Stunden sein - wenn sie einen musikalischen Genuss bieten wie die Oper „Ariodante“ im Theater an der Wien.
Händels Opera seria (Libretto: Antonio Salvi), die 1735 in Covent Garden, London, uraufgeführt wurde, handelt vom Schicksal des Ritters Ariodante, der in die Königstochter Ginevra verliebt ist und der auch den Segen und den Thron des herrschenden Königs auf seiner Seite hat. Die Liebe wird durch den von Ginevra verschmähten Polinesso mit Hilfe von Dalinda gestört, die Intrige, die die Königstochter der Untreue bezichtigt, treibt Ariodante in den Freitod, den er aber überlebt. Am Ende wird alles aufgeklärt und Doppelhochzeit gehalten, denn auch die reuige Dalinda findet in Ariodantes Bruder Lurcanio ihren Lebenspartner.
Regisseur Lukas Hemleb hat eine Inszenierung mit minimaler Ausstattung realisiert. Eine weiße, geneigte Bühne mit verschiebbaren Elementen reicht ihm, um die verschiedenen Stationen der Handlung plastisch vor Augen zu führen. Nur im ersten Akt thront das mittelalterliche Schloss wie eine Märchenkulisse auf der Bühne. Der Couturier Marc Audibet hat für seinen ersten Auftrag für das Theater eine einfache und wirkungsvolle Lösung für die Kostüme mit Anklängen an das Mittelalter gefunden (abgesehen von den halsbrecherisch anmutenden Stilettos, in denen sich die Damen über den schrägen Bühnenboden bewegen müssen und den bunt wallenden Flattergewändern für die TänzerInnen im Finale).
Durch diese schwarz-weiß Reduktion der Inszenierung gehört die Bühne ganz den wunderbaren Sänger, die durch ihre Stimmen, Mimik und Körpersprache die handelnden Personen überzeugend und berührend vermitteln. Jede der SängerInnen hat eine besondere Klangfarbe und zeichnet damit seine / ihre Rolle differenziert, macht sie mit lebhaftem Spiel greifbar. Die Männerrollen des Ariodante und Polinesso sind mit Mezzosopranistinnen besetzt: Caitlin Hulcup füllt die Figur des Ariodante mit Emotion und Wärme und verkörpert einen durch und durch sympathischen, tragisch-glücklichen Helden. Die Figur des Polinesso bietet Vivica Genaux reichlich Gelegenheit ihre sonoren Koloraturen als höhnisches Lachen des Bösewichts klingen zu lassen. Maria Grazia Schiavo färbt die Figur der Dalinda mal naiv-liebend, mal verschämt-kokett. Danielle de Niese ist eine durch und durch bezaubernde Ginevra, hinreißend mit ihrem temperamentvollen Spiel, berührend in ihrem Unglück. Auch die Rollen des Lurcanio und des Re sind mit Topi Lehtipuu und Luca Pisaroni edel und stark besetzt. Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset gab aus dem Orchestergraben elegante und solide Unterstützung - trotz mancher Unsicherheit der Hörner.
Den König folgt das ganze Stück hindurch ein Hofnarr, der mit seinen Späßen und Gesten das Geschehen pantomimisch-tänzerisch begleitet. Akos Hargitay gelingt es in dieser Rolle, einen präzisen Seelenspiegel des Herrschers zu verkörpern.
Womit wir beim Ballett angelangt wären, jenem Aspekt, der nicht auf der Höhe der Inszenierung ist. Dem Choreografen Thomas Stache sind ein paar nette Versatzstücke wie bewegte Bäumchen oder ein Skulpturengarten eingefallen, das handlungstragende Ballett im dritten Akt, in dem die TänzerInnen den Alptraum von Ginevra darstellen sollten, sowie die Hochzeit am Ende der Oper sind choreografisch jedoch mehr als dürftig ausgefallen. Schade, dass bei den TänzerInnen, die weit unter dem professionellen Niveau der SängerInnen sind, gespart wurde.
Dennoch hat das Theater an der Wien mit „Ariodante“ wieder ein Highlight der Opernsaison präsentiert. Überraschend daher die Reaktion der Wiener Tageszeitungen dem wenig abgewinnen konnten. Freilich, im Theater ist ja jede Vorstellung anders, die Kritiken bezogen sich auf die Premiere, ich sah die zweite Vorstellung, daher: ein Schelm, der Böses dabei denkt: Auffällig ist es jedoch schon, wenn der Standard dem designierten Staatsoperchef Dominique Meyer, der als Direktor des Théatre des Champs Elysées diese Koproduktion initiiert hat, einen Rat mit auf den Weg gibt: dieser solle es sich doch noch einmal überlegen, ob er in Wien wirklich Barockoper spielen will.
Das Publikum hat diese „Ariodante“ jedenfalls mit warmem, herzlichen Applaus und vielen Vorhängen bedankt.
Die nächsten barocken Delikatessen folgen demnächst: Im Rahmen der „Barocken Festtage“ von 14. bis 23. Oktober ist neben einer Reihe von Konzerten Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ zu sehen.

Weiter Vorstellungen von „Ariodante“: 24. und 26. September
www.theater-wien.at

Edith Wolf Perez

Online am: 23.09.2008, © www.tanz.at