Fremdkörper in Pose

Liquid Loft / Chris Haring setzen mit „The Art of Garfunkel“ und der Installation „Sound of Silence“ den Festival-Schlusspunkt.

Posing Project, ImPulsTanz im Museumsquartier, 10.08.2008
und im project space, 17.08.2008

Wer sind wir? Wo sitzt das Ich? Im Kopf oder im Bauch oder im Geschlechtsorgan? Unangenehme Fragen, die den Stoff für einen Gruselfilm abgeben. Oder die Karten für ein Kinderspiel. In drei Teile geteilt, werden sie durcheinander gemischt, damit der König den Kopf eines Krokodils tragen darf und der Kasperl ein Kleid über den Beinen der Gretel. Chris Haring erzielt diesen Effekt im vierten und letzten Teil des „Posing Projects“, der Installation „Sound of Silence“, mit einer Videoinstallation. Gruselig und lächerlich, und eine Gelegenheit für allerlei Assoziationen.
Aus fünf Monitortürmen (in drei Bildschirme geteilt), blicken uns sonderbare Wesen an, biegen und drehen sich, setzen sich in Positur. Still ist es keineswegs im Raum der Installation „Sound of Silence“, die meisten Köpfe brabbeln unentwegt , philosophieren, behaupten, erzählen. Verstehen muss man nichts, die konstruierten Bilder von dekonstruierten Menschen sprechen für sich selbst. Darf über die verrutschten, verschobenen, verrenkten, verdrehten und ungewöhnlich zusammengesetzten Körper gelacht werden? Ich kann nicht anders.
Doch je länger ich in Gesellschaft der fremdartigen Menschen bin, die keinem Geschlecht zuzuordnen sind, desto mehr packt mich Melancholie. Was hier als Videospielerei erscheint, die Dekonstruktion und Neuzusammensetzung des Homo sapiens, erscheint so abwegig nicht. Ein Verwirrspiel der Natur, eine winzige Unegelmäßigkeit in der Eizelle, konfuse Chromosome, hormonelle Variationen - so fern der Realität sind die posierenden Figuren auf den Monitoren nicht. Doch Menschen sind sie eindeutig, nicht nur weil Harings Team („Liquid Loft“) die Köpfe und Gesichter von Persönlichkeiten der ImPulsTanz-Szene auf die Körper der am Posing Project teilnehmenden TänzerInnen gesetzt hat, sondern auch weil sie die äußeren (Geschlechts-)Merkmale eines Menschen zeigen. Sie rollen die Augen, öffnen den Mund, gestikulieren, manchmal sind Kopf, Torso und Gliedmassen in nahezu perfekter Harmonie, dann driften die drei Teile wieder auseinander, vorne ist hinten und der Kopf nickt dazu.
Aber vielleicht schwirren meine Gedanken in allzu absurde Gefilde und Liquid Loft / Chris Haring wollten einfach die Idee mit den gedrittelten Körpern zur Unterhaltung der Besucherinnen spielen. Schon im dritten Teil (nach „The Art of Wow“ und „The Art of Seduction“) der choreografierten Posen, „The Art of Garfunkel“, waren die Monitortürme aufgestellt, allerdings wurde das Spiel nur mit den Tanzenden (Luke Baio, Stephanie Cumming, Alexander Gottfarb, Katharina Meves, Anna Maria Novak) gezeigt. Sie selbst hatten den Schauplatz dem Publikum überlassen, nur noch die Videobilder waren als verwirrender Abdruck vorhanden. Vielleicht sollte sich das Publikum jetzt, nach dem die beiden ersten Teile der Kunst des Posierens an einem Abend kompakt über den Laufsteg gegangen waren, selbst in Positur werfen. Die Schweinwerfer waren eingeschaltet, das Eisbärenfell lag bereit, doch die allein gelassenen PoseurInnen standen ratlos umher, nutzten nicht die Gelegenheit, sich mit frei gelegtem Bauchnabel selbst darzustellen, einmal Künstlerin zu sein. Auch wenn die echten KünstlerInnen (also die, die von der Kunst leben) immer wieder die vierte Wand niederreißen und das Publikum auf ihre Seite zerren wollen, bleibt die Trennung bestehen. Ihr dort zeigt her eure Körper, wir hier schauen zu. Und das, bei einer durch mehrere Aufführungen (auch im Ausland) perfektionierten Darbietungen, mit größtem Gewinn und Vergnügen.

Ditta Rudle

Online am: 24.08.2008, © www.tanz.at