Schimmernd wie Quecksilber

Ko Murobushi greift mit silbernen Fingern ans Herz, (und Forsythe ist mit einer Marginalie bei ImPulsTanz vertreten).

[„quick silver“], ImPulsTanz / Akademietheater, 01.08.2008.

Benoît Lachambre musste seine Vorstellungen aus gesundheitlichen Gründen absagen. Schade! Ko Murobushi, Butoh-Tänzer des höchsten Grades und als Workshopleiter des ImPulsTanz Festivals tätig, sprang ein. Wunderbar!
Im Halbdunkel sitzt ein Wesen an der Bühnenrampe. Schwarzes Gewand, silberne Hände und Füße, kein Gesicht. Das Wesen, ein alter Mann vermutlich, murmelt vor sich hin, spreizt die knochigen, langen Finger, Spinnenfinger aus poliertem Metall. Rote Augen glühen im Bühnenhintergrund wenn sich dieses eindeutig leidgeprüfte Wesen erhebt, zum zornigen Menschen wird und wütend gegen eine schimmernde Blechplatte schlägt. Donner dröhnen im Raum, die Platte schwingt und gibt grelle Lichtblitze frei. Plötzlich ist es nachtdunkel, der Mensch wirft sein irdisches Gewand ab, enthüllt das Gesicht: Ko Murobushi liegt bis auf das Schamtuch nackt im Lichtkreis, die Haut gleißt silberfarben.
Butoh pur ist nun angesagt. Die intensive, direkte Art der Körpersprache, die sich selbst nicht schonende Darbietung Ko Murobushis packt mich nicht unerwartet. Schon des Artisten frühere Performances lösten Tränen und Schüttelfrost aus. Die krampfhaften Körperverrenkungen, das Hervortreten der Muskeln, Sehnen und Knochen, der menschliche Körper in seiner ganzen Beschränktheit und Hinfälligkeit, die Aufforderung selbst ganz nach innen zu schauen, bis das Wissen um den Tod ganz von mir Besitz ergreift, lassen die Ungeduld verebben, den Zensor in mir einschlafen und die unterschiedlichsten Gefühlswellen hoch schwappen.
Hart schlägt der Kopf auf den Boden, der Körper windet sich. Unter sichtlichen Mühen versucht der Geschundene sich zu erheben - der Geist ist willig, das Fleisch, die Knochen sind schwach. Der silberne Mann fällt immer wieder um. Manchmal liegt er wie ein Säugling in Embryonalhaltung zusammengekauert im Kreis aus Licht, dann bäumt er sich wieder auf im katatonischen Krampf. Einmal schafft er es sogar, senkrecht zu sein, aufrecht, doch der Kopf ist unten, die Spindeln der Beine ragen in die Höhe. Wieder kracht der Körper auf den Boden. Die Hintergrundgeräusche (Sphärenmusik anfangs, aber keineswegs aus dem Himmelsgewölbe, Blätterrauschen, Grillenzirpen und Donnergrollen) haben aufgehört, nur die ächzenden, quietschenden Laute aus des Künstlers Kehle sind zu hören.
Als hätte er die Schlacht verloren, liegt der Kämpfer dann ruhig da, atmet tief und entspannt. Und rafft sich noch einmal auf. Und schafft es. Steht aufrecht. Beruhigendes Wasserplätschern erklingt, der weiße Kegel im Vordergrund entpuppt sich als kunstvoll geschichteter Sandberg, der nun in wildem Werden zerstört wird. Das Plätschern verstärkt sich zum Tosen, Meeresrauschen erfüllt den Raum, lässt den Boden vibrieren. Die unsichtbaren Wellen schlagen über dem Häuflein Mensch zusammen, immer wieder bäumt es sich auf, versucht zu entkommen (Siegfried am Schwanensee sollte einen Butoh-Kurs machen), um schließlich von den unsichtbaren Wogen verschlungen zu werden.
Es dauert bis der Applaus aufbrandet. Auch andere im Auditorium ließen sich ergreifen, brauchen noch etwas Stille, um wieder im fröhlichen Diesseits zu landen Und die Mitarbeitenden lobend zu erwähnen. Lichtdesign: Krisha Piplits; Licht: Toshio Mizohata, Masaaki Aikawa. Gesang: Osamu Goto. Die Uraufführung von [„quick silver“] fand 2005 beim Kazuo Ohno Festival in Yokohama statt. Der Titel erklärt sich aus der alten alchemistischen Lehre: Mit Hilfe von Quecksilber versuchte man Gold herzustellen, also aus einem Körper einen anderen zu machen. Vielleicht auch aus dem Menschen ein neues Wesen. Ko Murobushi ist die Übung gelungen.

Marginalie
Wie abgeschmackt läppisch, wie zeitgeistig und spekulativ erscheint demgegenüber die Installation (aus dem Jahr 2002!) der Forsythe Company in der Säulenhalle des Parlaments. 4000 Luftballons sollen dort hängen und von „einer wogenden Klangwelle in Schwebe gehalten“ werden. Was ich sah war eine dürftige Anzahl von weißen Ballons (eher 99 als 4000) an zerdehnten Gummischnüren. Was ich hörte war ein wabernder Musikteppich und vor allem die Gespräche der zur Eröffnung geladenen Gäste. Diese hatten, wie spätere Besucherinnen auch, einige Hürden zu überwinden, die durch die strengen Sicherheitsbestimmungen im Parlament aufgestellt waren. Witzig war es, einen Ballon vor Augen zu halten und durch diesen die Installation samt griechischen Säulen zu betrachten. Doch das war verboten. Don't touch! Was die Öffnung des Hohen Hauses fürs Volk durch das Medium Kunst betrifft, so währte der Tourneeaufenthalt dieser angegrauten Installation genau 15 Stunden (vier Tage des Abends). Keck wurde so ein Vierstunden-Abend als Tageskarte (8 EUR) angeboten. Doch die 30 Minuten, die man für 5 EUR erhielt, reichten überaus, wenn man nicht ohnehin lieber doch unter Rosen im Volksgarten den Wolken zusah und unter dem Himmelsblau meditierte. Vogelgezwitscher und Blätterrauschen gratis.

Ditta Rudle

Online am: 11.08.2008, © www.tanz.at