Clown in Unterhose |
Olivier Dubois unterhält mit exhibitionistem Charme als Go-Go-Boy |
Pour tout l'or du monde
, ImPulsTanz / Kasino am Schwarzenbergplatz, 02.08.2008. |
Noch einer, der sich wie Doris Uhlich mit dem klassischen Ballett auseinandersetzt. Olivier Dubois allerdings ist ein erfahrener Tänzer und hat mit Choreografie-Größen wie Karine Saporta oder Angelin Preljocaj, aber auch mit Jan Fabre oder dem Cirque du Soleil gearbeitet. Er weiß sich zu bewegen, Effekte zu setzen und mit einem Augenzwinkern das Publikum auf seine Seite zu bringen. Und diese Seite ist nicht gerade zierlich. Als akrobatischer Clown trägt Olivier Dubois auch in der 2006 uraufgeführten Petitesse Pour tout l'or du monde
(Für alles Gold der Welt
) sein Embonpoint nahezu mit Grazie über die Bühne und entpuppt sich schnell als das, was im Theaterjargon eine Rampensau genannt wird: Immer auf einen Lacher und die Zustimmung des Publikums aus, egal wie sehr er sich dazu prostituieren muss. Nackt unter dem schwarzen Anzug beginnt er zum Pas de Quatre aus dem 2. Akt von Peter Tschaikowskys Schwanensee (Tanz der kleinen Schwäne) Positionen, Arabesken und Ports de bras anzudeuten. Immer wieder blickt er schelmisch ins Publikum, ob ihn auch noch alle mögen. Aber es geht nicht wirklich um die angedeuteten Bewegungsabläufe des klassischen Balletts, sondern darum, das aus Alustangen gelegte Geviert rechtzeitig zu verlassen und wieder auf dem Sessel in er Ecke zu landen, wenn nach 90 Sekunden der Schlussakkord erklingt. Das Spiel lässt sich endlos wiederholen, die in der Schleife abgespielte und nur mit einigen musikalischen Scherzen veränderte Sequenz wird immer schneller, der Tänzer kommt kaum noch nach mit seinen Trippelschritten, der Schweiß rinnt in Strömen. Klar, dass er sich des unbequemen Gewandes entledigen und seinen Corpus in der ganzen barocken Pracht (und in weißer Feinrippunterhose) zeigen muss. Vergiss Schwanensee! Die Alustangen werden mit akribischen Ernst senkrecht gestellt, Olivier wandelt sich zum Go-Go-Boy und schwingt die üppigen Hüften an der Stange. Das macht ihm sichtlich mehr Freude als jede Arabeske; ist komisch und auch rührend und nur erträglich, weil der Harlekin zu seinem erstaunlichen akrobatischen und tänzerischen Können (mehrmals zeigt er seine perfekte Grätsche) auch eine ordentliche Portion Selbstironie und Humor ins Gewicht wirft. Zum Ende darf er in einem Kreis von zierlichen weißen Dildos in Goldstaub baden. Erotisch ist auch das nicht. Olivier Dubois, 36, hat erst mit 23 Jahren seine Ausbildung als Tänzer begonnen, dann aber mit Verve und Disziplin vorangetrieben. Dass sein Körper kaum den Anforderungen an einen Tänzer, egal welcher Sparte, entspricht, hat ihn, so sagt er, nie gestört. Pour tout l'or du monde erzählt etwas anderes. Er hat ein fettes Hühnchen mit dem Tanz zu rupfen und tut es indem er justament seinen Bauch schwabbeln lässt und sich nackt und verschwitzt dem Auditorium darbietet. Dies zu loben ist politisch korrekt, schließlich ist ja die Parole, das jeder und jede Künstler oder Künstlerin, Tänzerin oder Tänzer sein kann. Wenigstens für 15 Minuten. Dubois schenkte ein paar mehr davon und die waren durchaus amüsant. Nicht mehr. Beim heurigen Festival von Avignon zeigte der multitalentierte ehemalige Literaturstudent kürzlich sein jüngstes und wohl eher bemerkenswertes Stück: Faune(s) Die Berlinerinnen werden die vierteilige Re-Interpretation der als Skandalerfolg in der Tanzgeschichte vermerkten Choreografie von Waslaw Nijinski (1912) beim Tanz im August sehen dürfen. |
Ditta Rudle |
Online am: 11.08.2008, © www.tanz.at |