Die zauberhaft dekorierte Bühne führt in ein Märchenreich. Weißes Porzellan wohin das Auge schaut. Objekte stehen vorne an der Rampe, Schmuckstücke glänzen in Vitrinen, Mobiles schweben leise klingelnd in betretbaren Zylindern, auf dem Tisch türmt sich Geschirr. Plötzlich klirren Häferl und Teller krachen zu Boden - das lässt Böses ahnen, die Idylle wird nicht halten. Noch bleibt das Märchen aber so delikat und unschuldig wie die Porzellaninstallation von Lot Lemm. Bizarre Figuren in Prinzenhosen oder seidig schimmernden Reifröcken treten auf, tragen Kronen, die auch Narrenkappen sein könnten, reiben zärtlich die Porzellannasen aneinander, balancieren zwischen der fragilen Installation, quaken und hüpfen wie die Frösche, zeigen ihre Porzellanbrüste und verblüffen, wenn im Tanz die Porzellanjuwelen auf den Köpfen nicht auf den Boden krachen. Dazu erklingt die, anfangs einschmeichelnde später sich immer beunruhigender aufbäumende, Musik von Asyla , einem durch Simon Rattle bekannt gemachten Orchesterwerk des jungen englischen Komponisten Thomas Adès. Eine nicht zufällig von Grace Elen Barkey für das Porcelain Project gewählte Unterstreichung des regellosen Treibens auf de Bühne. Asylum bedeutet im Englischen nicht nur Zuflucht sondern auch Irrenhaus. Im Irrenhaus fühlt man sich auch bald, wenn sich der dekadente Kitsch - denn was sich da abspielt im ständigen Kostümwechsel, im Auf- und Abhüpfen der sechs TänzerInnen der Needcompany, bleibt à la longue an der bunten Oberfläche des Zufälligen, ist schöner Kitsch ohne innere dramaturgische Notwendigkeit - in ekstatisches Toben, in Vergewaltigung, Missbrauch und krude Sexualität wandelt. Wenn der Narr mit dem Porzellanpenis auftritt, weiß man, worauf die Inszenierung hinsteuert - auf eine abstoßende sexuelle Orgie. Abstoßend nicht nur, weil von Gewalt und Nötigung nur so strotzend, sondern auch weil keinerlei Kontext zum Vorangezeigte vorhanden ist. Klar, man darf assoziieren, dass auch die Schönheit ihre widerliche Kehrseite hat und der Mensch, selbst der in Utopia tanzende, ein Tier ist. Doch das ist bekannt und wird nicht klarer, wenn die Obszönität um ihrer selbst willen zelebriert wird. Dem Publikum den Spiegel vorzuhalten, im Unbewussten lauernde Abgründe aufzudecken, ist verdienstvoll. Jegliche Reflexion durch Eindeutigkeit und Drastik zu ersticken, ist eben Kitsch. Aber Kitsch wird ja vom Publikum geliebt, auch von den treuen ImPulsTanz-Fans.
Moravia Naranjo
Bescheiden und unspektakulär arbeitet dagegen Moravia Naranjo, die ihre Performance skin, voice & memories of someone else
ebenfalls mit einer Installation zum Gesamtkunstwerk baut. Anders als im Porcelain Project hat Naranjo ihr Solo (mitunter von Antonija Livingstone zum Duo ergänzt) nicht mit der bildenden Künstlerin Nadja Lauro gemeinsam entwickelt, sondern Gesang und Bewegung in die vorhandene Installation I hear voices hineinkomponiert. Und das klappt wunderbar. Lauro hat im langgestreckten abgedunkelten project space eine Gebirgsformation aufgebaut. Große und kleine Felsen, Hügel, Gipfel, pelzig überzogenes Material, sind im Raum verteilt, Sitzgelegenheit, Bühnendekoration und Objekt zugleich. Naranjo muss sich mit den Gegebenheiten abfinden, auch damit, dass vielleicht auf dem von ihre gewählten Gipfel schon eine andere sitzt. Im grauen Overall wartet sie auf einer Felsformation auf den Beginn. Sie ist eine Reisende, alles was sie braucht, trägt sie mit sich. Nach und nach, wenn sie den Overall ablegt, den Proviant und die Bergschuhe, die Socken und das leichte Kleidchen hervorholt, schält sich auch der Körper der Tänzerin aus der unkleidsamen Hülle. Was die aus Venezuela stammende Künstlerin mit Unterstützung des Choreografen und Tänzers Benoît Lachambre erzählt, ist Erfahrung. Mit Billi Holiday und Miriam Makeba, Violeta Parra oder La Lupe singt sie von Einsamkeit und Fremdheit und nimmt sich (mit einem eigenen Text) selbst beim Schopf: Move your ass. Move. Don't just cry. You can make it if you try. Geschickt nutzt Naranjo den Raum, in dem auch ihre Band, The Diving Home Band, verteilt ist und manchmal ein wenig zu engagiert lostrommelt. Das Spezifische der Performance ist nicht nur durch die Stimme der Tänzerin gegeben, sondern vor allem auch durch die Wirkung des Raumes. Das Publikum darf die Installationsobjekte in Besitz nehmen, sitzen, lümmeln, stehen, liegen. An den Wänden werken die vier Musiker. Dazwischen bewegt sich die Tänzerin. Eine runde Vorstellung, und gar nicht so traurig wie die liebevoll abgedruckten Texte vermuten ließen.
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