Im Fluss der Energie |
Zwischen Bach und Webern, Rosas zart bewegt von Anne Teresa de Keersmaeker |
Zeitung, ImPulsTanz / MQ Halle E, 07.08.2008. |
Die Bühne ist fast leer, einige Sessel an den Rändern, ein Tableau mit Schrifzeichen, vielleicht der Probenplan, in der vorderen Ecke, ein abgewetzter Fauteuil und das schwarze Klavier im Hintergrund. Im Halbdunkel probt ein Paar Positionen, entspannt und spielerisch - eine Skizze. Alain Franco intoniert am Piano Anton Weberns Opus 2: Entflieht auf leichten Kähnen. Ein Pas de deux zu einer Fuge aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach zeigt den Kern des Abends. Zeitung von Anne Teresa de Keersmaeker, getanzt von Rosas, ist ein unaufhörliches Auf und Ab von Spannung und Entspannung, von fließender Energie, die ermattet und sich wieder aufbaut. Wie zufällig werden aus Duos Trios, versammelt sich das gesamte Ensemble von neun TänzerInnen im Alltagsgewand (darunter Altstars wie Fumiyo Ikeda und Cynthia Loemij), um unisono die Grenzen des bewegten Körpers auszureizen. Bald löst sich wieder eine Figur aus der Gruppe, tanzt allein mit gekrümmten Rücken, verdrehten Hüften, schwingenden Armen, zeigt, dass Harmonie auch in der Disharmonie liegen kann, Gleichgewicht nur im Ungleichgewicht entsteht. Der Tanz ist ein langer ruhiger Fluss, auch wenn er immer wieder von abrupt hereinbrechenden Strudeln, Einknicken, Straucheln, Fallen, unterbrochen wird. Stillstand, Stabilität oder gar Perfektion ist hier nicht das Ziel, eher das Suchen und Tasten, die nie endende Erfahrung. Auch wenn die Tanzenden ihre eigenen Improvisationen einfließen lassen, auch wenn David Hernandez (Mitbegründer von Meg Stuarts Company Damaged Goods, Regisseur, Dramaturg und Lehrer bei P.A.R.T.S in Brüssel) am Tanzvokabular mitgearbeitet hat, bleibt de Keersmaekers Sprache unverkennbar. Die Ungezwungenheit selbst der vertracktesten Bewegungsmuster, das Ineinanderfließen der Formationen, das Spiegeln und Wiederholen, der enge Kontakt der TänzerInnen, der keine Berührung benötigt, das alles ist in den Archiven der flämischen Choreografin auffindbar. Wie auch der Stellenwert der Musik als eigenständiges Element der Aufführung. Die Soloparts von Alain Franco dienen als Beweis und bringen Ruhe in die fortwährende Bewegung. Wie aus dem Nichts werden Teile des musikalischen Programms - von Bach bis Webern und ein wenig Schönberg - in Orchesterfassung vom Band eingespielt. Die Titel der ausgewählten Stücke, sagen viel über den Tenor des Abends aus, auch wenn nicht parallel zur Musik, sondern in der Begegnung mit ihr, an den Kreuzungspunkten zur Bewegung getanzt wird: Etwas bewegt, zart bewegt, langsam, sehr langsam & rasch aber leicht, fließend, äußerst zart
Erst gegen Ende der mehr als 100 Minuten, wenn das wechselnde Licht (Jan Joris Lamers, der auch die Bühne konzipiert hat) nahezu ganz verschwindet, wird der Abend düster und - das wegströmende Publikum zeigte es deutlich trampelnd - auch langweilig. De Keersmaeker und Rosas fanden kein Ende. Schade um die reine Freude am puren Tanz. Was den Titel, Zeitung (Uraufführung im Jänner 2008 im Pariser Théâtre de la Ville), betrifft, so hat er wohl mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, (mündliche) Nachricht zu tun, vielleicht hat aber dem Team auch nur der Klang des deutschen Wortes gefallen, der auch an die Zeit, ihre Flüchtigkeit und ihr eisernes Diktat erinnert.
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Ditta Rudle |
Online am: 11.08.2008, © www.tanz.at |