Das Dasein als globale Transitzone

Akram Khan selbst ist der Bühne erstmals ferngeblieben. Für sein multiethnisches Tänzer-Ensemble hat er einen subtilen Dialog der Tanzsprachen entworfen, diesen jedoch in den flachen Rahmen einer modernen Heimatsuche gepresst.

bahok, ImPulsTanz / MQ Halle E, 17.07.2008.

In „zero degrees“ hatte Akram Khan vor einigen Jahren gemeinsam mit Sidi Larbi Cherkaoui im Kontext einer Zugreise mit Zwischenfällen über Identität, Grenzen und Bewegtheit reflektiert, die beiden Tänzer ihre künstlerischen Sprachen in ein Spannungsverhältnis zueinander gesetzt. In seiner neuen Produktion „bahok“ hat sich Akram Khan erstmals nur auf die Rolle des Choreografen beschränkt und die Bühne acht jungen Tänzern - drei Mitgliedern des National Ballet of China, fünf seiner eigenen multiethnisch gemischten Company - überlassen. Eine verwaiste Abflughalle liefert das Setting, einzeln verstreut harrt eine Handvoll Reisender in Warteposition und setzt Hoffnungen in die Anschlagtafel, die als höhere Instanz den Raum dominiert, willkürlich, einem Roulette gleich, ihre Buchstaben neu mischt und doch wieder nur Botschaften - delayed, rescheduled - aussendet, die den Stillstand verlängern. Migranten, Nomaden oder Heimkehrer - man erfährt nichts über die Reiseziele der gestrandeten Passagiere und im Niemandsland der Transitzone sieht sich die Schicksalsgemeinschaft plötzlich mit der Frage nach den Wurzeln konfrontiert. Tänzerinnen und Tänzer aus China, Korea, Indien, Südafrika und Europa haben kurze Geschichten aus der eigenen Fahrt durchs Leben eingebracht, aus der der Choreograf eine globale Erzählung in Wort und Tanz wachsen ließ: Als behänder Alchimist versteht Khan das Gewirr der Ausdrucksweisen im Einklang mit der Musik von Nitin Sawhney delikat zum Schwingen zu bringen, unbeeindruckt vom Aufeinandertreffen der verschiedenen Grammatiken finden seine einmaligen Tänzer zu einer ihnen eigenen Sprache, die für alles offen ist und ihnen erlaubt mit einem erweiterten Vokabular, miteinander im Dialog zu brillieren. Tänzerische Frische, die mehr Originalität und Dynamik im dramaturgischen Layout verdient hätte als bloß ins seichte Wasser einer weltumspannenden Heimatlosigkeit getaucht zu werden.

Karin Schiefer

Online am: 31.07.2008, © www.tanz.at