Nackt in der Hölle |
Marie Chouinard lässt Orpheus zum Orgiasten werden und Spaß im Hades haben. |
Orpheus and Eurydice, ImPulsTanz / Theater an der Wien, 22.07.2008. |
Toll trieben es die alten Griechen. Selbst das Leben der Toten unten im Hades war ein Riesenspaß und eine permanente Orgie. Ganz unernst erzählt die kanadische Choreografin Marie Chouinard die bekannte Geschichte von Orpheus, dem Sänger, der seine Eurydike aus der Unterwelt zurückholen darf, wenn er sich während der Wanderung nicht umdreht. Doch die Dämonen heulen und machen ihre Faxen und Orpheus kann sich nicht beherrschen, wendet trotz aller Warnungen, den Kopf. Eurydike entschwindet. Doch anders als im Mythos, in dem der Leiermann von den Mänaden zerrissen wird, lässt ihn Chouinard mit seiner Braut in die Totenwelt zurückkehren, wo er, wie bereits erzählt, ein lustiges Leben führt. Eigentlich, so Chouinard in Interviews, wollte sie von der Geburt der Sprache durch Orpheus, den Sänger und Dichter, erzählen. Doch das ist ihr, trotz des Gestammels eines Erzählers, aus allen Öffnungen fallenden goldenen Kugeln, und immer wieder aus Mündern gezogenen imaginären Fäden, nicht gelungen. Gelungen ist ihr aber, dem Mythos das heilige Pathos zu nehmen und Dämonen und Faune, Orphen und Eurydiken, Felsen, Wälder und Höllenhunde (all3 dargestellt von der Compagnie elf exzellenten und kräftigen TänzerInnen) in komischen Fellmützen und Gamaschen, mit viel nackter (oft nur) mit goldenen Brustwarzendeckeln geschmückter Haut, auf hohen Kothurnen, den Phallus keck empor gestreckt, zur wirbelnden Musik von Louis Dufort ein 70-minütige Spektakel voll effektvollen Witzes und beeindruckender Bilder abrollen zu lassen. Marie Chouinard und ihre Compagnie genießen weltweit einen hervorragenden Ruf und sind auch (wie sie selbst zu Unrecht meint) als Provokateurinnen verschrien, vor allem weil Chouinard nichts Menschliches fremd ist. Gewohnt ist man von ihr ein einprägsames und aussagekräftiges Bewegungsvokabular und den Hang zum Pathos am Rande des Kitsches. Mit dem fröhlichen Treiben von Orpheus und Eurydike hat sie einen ganz anderen Weg beschritten, witzig, spielerisch und wie immer ganz und gar weiblich, aber auch brutal und schonungslos. Der Schmerz ist eben ein Bruder der Lust, und die Traurigkeit eine Schwester der Fröhlichkeit. Der Kraft des Tanzes und der Kompromisslosigkeit von Chouinards Choreografie tut weder das Eine noch das Andere Abbruch.
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Ditta Rudle |
Online am: 31.07.2008, © www.tanz.at |