Nackt und bloß |
Doris Uhlich zerlegt den Spitzentanz und gibt dem Ballett dennoch seine Würde zurück |
Spitze, ImPulsTanz / Schauspielhaus, 23.07.2008. |
Ein kleines Stück nur, und auch nicht neu, was Doris Uhlich im Rahmen der [8:Tension|]+Young Choreographers' Series zeigen durfte, und doch für mich eine der wichtigsten Choreografien dieses an Höhepunkten nicht wirklich reichen ImPulsTanz Festivals. Uhlich, die sonst eher zur konzeptuellen Sozialarbeit neigt und mit unausgebildeten Personen eine Art Erinnerungstheater mit Alltagsgesten inszeniert, beschäftigt sich in Spitze mit dem Tanz selbst, setzt sich als Nicht-Tänzerin mit dem Spitzentanz auseinander, legt Skelett und Innereien bloß und versucht sich selbst als Ballerina. Allen Performance-Fundalisten zum Trotz, trennt sie nicht, sondern schafft eher eine Brücke zwischen den beiden, sich gerne feindlich gebärdenden Brüdern, dem zeitgenössischen Tanz und dem klassischen Ballett. Uhlich , 31, hat erst vor einem Jahr ihr Interesse an den Bewegungscodes des Balletts entdeckt und sich auch einige Schritte und Bewegungen angeeignet. In den Himmel des Spitzentanzes wird sie dennoch niemals gelangen und auch jene, die einst dort schwebten, mussten ihn wieder verlassen. Alte Füße in Spitzenschuhen werden nicht gezeigt. Außer wenn Susanne Kirnbauer, einstige Prima Ballerina der Wiener Staatsoper, es wagt, sich als Protagonistin in Spitze an ihre aktive Zeit zu erinnern, an den strengen Unterricht, die anstrengenden Proben, die Rituale und das Pathos. Natürlich ist das auch sehr komisch, wenn die Tänzerin die Bewegungsabläufe in einzelne Sequenzen zerlegt, sitzend ihren Port de bras übt und versucht die Fußstellungen korrekt auszuführen. Doch Susanne Kirnbauer hat nicht nur eine gute Portion Selbstironie sondern auch den Mut, sich selbst als Mensch nicht zu verstecken. Für den männlichen Part haben Uhlich und die Dramaturgin Andrea Salzmann ebenfalls einen Profi gefunden, den aktiven Tänzer Harald Baluch. Er tanzt den Pas de deux ohne Partnerin, dreht und hebt einen nicht vorhandenen Körper, zählt mit monotoner Stimme seine zahlreichen Rollen und Auftritte auf und erhält für seine Sprünge spontanen Applaus des wohl eher ballettabstinenten Publikums. Ein bisschen traurig macht es auch, diesen Traum von schwebender Schönheit, von der Überwindung der Schwerkraft so nackt und bloß und dem Gelächter preisgegeben zu sehen. Warum sind die Brüder feindlich, statt sich zu versöhnen? Wer ist Kain, der Neidvolle, der Abel, den Liebling der Götter, erschlagen muss? Und wozu? Die Fragen müssen nicht beantwortet werden, denn nun tritt Doris Uhlich auf. Als Rubensfigur in Mausgrau, nicht gerade eine Schwanenprinzessin, aber sehr ernsthaft und hoch konzentriert tanzt sie mit dem Prinzen den Pas de deux, begegnet dem Ballett mit Würde und Respekt. Versöhnung. Im Schwanengesang - Uhlich und eine singende Säge intonieren Camille Saint-Saëns' sterbenden Schwan - träumt Uhlich noch einmal den unmöglichen Traum. Ein Stück davon hat sie wahr werden lassen. |
Ditta Rudle |
Online am: 31.07.2008, © www.tanz.at |