Lachen hinterm Trauerflor

Mathilde Monnier und La Ribot wandern an den fließenden Grenzen zwischen Komik und Tragik.

Gustavia, Impulstanz / Akademietheater, 15.07.2008.

Eine Choreografin und eine Performance- und Videokünstlerin haben sich die Burleske zum Thema gewählt und dafür zunächst mal einen Rahmen der Schwere und Trauer geschaffen. Samtene schwarze Stoffbahnen, schwarze Kleidung und ein erbärmliches Wimmern gleich zu Beginn. So ganz ernst ist es mit der Traurigkeit jedoch nicht gemeint. Das Outfit der beiden Damen - schwarze Gymnasitikanzüge und bloße Beine in Riemchenschuhen - scheinen weder alters- noch anlassadäquat, ihre langsam sich intensivierende Heulerei erweckt vielmehr ratloses Gelächter als ehrliche Betroffenheit. Hier setzen die beiden Komödiantinnen auch mit ihrer Arbeit an: im Umkehreffekt gewohnter dramatischer Mittel und Codes, in der Parodie ihres Frauseins, im Ironisieren der schwindenden Bedeutung von Kunst. Mathilde Monnier, die ihre letzten Produktionen immer wieder aus künstlerischen Querverbindungen hat entstehen lassen - sei es mit der Schriftstellerin Christine Angot, der Filmemacherin Claire Denis und jüngst in Avignon mit dem Popsänger Philippe Katerine -, hat sich mit La Ribot erstmals eine Kollegin vom Bühnenfach zur Partnerin gewählt, um die vielen Schichten zwischen Komik und Tragik auf der Bühne auszuloten. Schnell wird deutlich, wie sehr letztlich nicht der Inhalt einer Geste oder Situation, sondern das Timing über die szenische Wirkung von „unterhaltsam“ oder „ergreifend“ entscheiden. Vor allem aus dem Stummfilm bekannte, komische Effekte werden durch exzessive Repetition völlig dekonstruiert. Was Mitgefühl erwecken sollte, wird mit Gelächter quittiert, was normalerweise als komische Standardsituation gilt, wird so lange wiederholt, bis eine Schmerzgrenze spürbar wird. Irgendwann erklang ein entnervtes „Ça suffit“ aus dem Publikum, als Mathilde Monnier zum vielleicht 20. Mal unter dem Brett, das La Ribot auf ihrer Schulter trägt, nach Buster Keatons Manier zu Boden wankt, sobald sie zum Versuch ansetzt, wieder auf die Beine zu kommen. Eine Metapher auch für ein sich stetig erschwerendes, immer mehr zum Kampf um Selbstbehauptung gezwungenes Künstler-Dasein, das früher, einen so viel höheren Stellenwert genossen haben soll. Auf etwas dünnem Papier geschrieben, ist Gustavia eine szenische Miniatur, in der sich die Repetition als konstitutives Bühnenmittel bald einmal erschöpft, zwei kongenialen Bühnen-Komplizinnen dennoch Gelegenheit bietet, gewitzt und selbstironisch die Register am bunten Pult ihrer Performance-Kunst zu ziehen.

Karin Schiefer

Online am: 30.07.2008, © www.tanz.at