Sad Face / Happy Face |
Die Salzburger Festspiele präsentierten Jan Lauwers & Needcompany auf der Perner-Insel |
Das Hirschhaus, Perner Insel, 28.07.2008. |
Sad Face/Happy Face nennt sich die spartenübergreifende Trilogie, die Jan Lauwers und die Needcompany in Koproduktion mit mehreren europäischen Bühnen schufen. Der dritte Teil, Das Hirschhaus / The Deer House, ist ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele und des Schauspielhauses Zürich und kam jetzt auf der Halleiner Perner-Insel heraus, wo auch erstmals die gesamte Trilogie zu sehen war. Immer geht es der internationalen Brüsseler Gruppe dabei um die Ergründung des menschlichen Wesens, in verschiedensten Konstellationen. Nachdem die ersten beiden Teile, Isabellas Zimmer und Der Lobstershop sich der Vergangenheit und der Zukunft widmen, ist Das Hirschaus Gegenwart. Brennend aktuell, schmerzhaft berührend, wird hier eine - unsere - absurde, intolerante, blutige Welt vorgeführt. Der dramaturgische Hintergrund ist real: der gewaltsame Tod des Bruders einer der Darstellerinnen. Er war Kriegsfotograf im Kosovo. So hängt der intensive Theaterschöpfer Lauwers das neue Stück im Wesentlichen am Tagebuch des toten Fotografen, am sinnlosen Töten und dem Überbringen von Todesnachrichten auf. Dies wird in allen Variationen durchgespielt, an einem Weihnachtstag im Hirschhaus, dem Wohnsitz einer Naturschützer-Familie. Weiße Schaumstoffhirsche übersäen die Bühne, ganz und in Teilen und werden von den sich andauernd umziehenden Darstellern oft plakativ als Requisiten eingesetzt - man soll neben all den Katastrophen ja nicht vergessen, dass alles Theater ist. In diesem Fall das Theater der Needcompany, die bis auf die letzte, krampfhaft aufgesetzte Viertelstunde im Hirschhaus meist Sehenswertes liefert. Vor allem an Schauspiel. Hier ist an erster Stelle Viviane de Muynck zu nennen (in Salzburg noch aus Bernhards Ein Fest für Boris in Erinnerung), die als Hirschhausherrin erleben muss, wie ihr Weihnachtsessen zum Totenfest wird. Unter den Leichen sind auch eine Tochter und eine Enkelin. Eine zweite Tochter ist behindert - eine dankbare Rolle für die wunderbare Grace Ellen Barkey, Mitbegründerin der Needcompany. Warum sie sich, noch dazu in aufdringlicher Darstellung, auf den an den Haaren herbei gezogenen Schluss mit verspätetem Weihnachtswunder einlässt, ist nicht nachzuvollziehen. Damit wurden viele der vorangegangenen, starken Bilder zerstört. Zu diesen zählten auch einige Chorszenen. Sie berührten zum entsprechenden Sound durch ihren Frieden, blieben andererseits einiges an Aufbau schuldig. Und an Musikalität. Was könnte man nicht alles mit/aus einem Chor machen, selbst wenn dieser nur aus Schauspielern und/oder Tänzern besteht. Für letztere gilt ähnliches - schöne Szenen, doch ohne Power, ohne Bewegungsfantasie. Fesselnd überhaupt nur eine Sequenz gegen Schluss mit Tijen Lawton. Das Hirschhaus - ein tiefes, schönes Werk, in dem aber viel, viel mehr möglich wäre.
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Andrea Hein |
Online am: 30.07.2008, © www.tanz.at |