Die strenge Leichtigkeit des Tanzes |
Anne Teresa de Keersmaeker: Maximale Konzentration für minimale Verschiebungen |
Steve Reich Evening, Theater an der Wien, 19.06.2008. |
Anne Teresa de Keersmaeker will sich nicht damit abfinden, dass Choreografien im Nichts verschwinden, bestenfalls in der Videothek oder dem DVD-Archiv lagern. Immer wieder holt sie Teile ihres Werks an die Oberfläche, ordnet sie neu und führt sie mit einer neuen TänzerInnengeneration (wieder) auf. 2007 befasste sie sich mit ihrem (einem ihrer) Lieblingskomponisten Steve Reich und gestaltete einen Steve Reich Evening, mit dem ihre Compagnie Rosas nun auch in Wien Station gemacht hat. Der Generationenwechsel findet ja nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch im Publikum. Da sitzen zwischen jenen, die das wunderbare Duo Piano Phase (aus Fase, four movements to the music of Steve Reich, 1982) bereits im vorigen Jahrhunderts gesehen, geliebt und seit dem nie vergessen haben, jene für die Steve Reich und auch de Keersmaekers frühe Jahre nur noch Legende sind. Die Choreografin schont weder die einen noch die anderen. Nahezu zwei Stunden kaum Akzente, nur minimale Musterverschiebungen im unermüdlich gleichförmigen Klangteppich können s erfordern Geduld und Konzentration. Fürs Füßescharren, Husten, Brummen, Seufzen, bietet sich György Ligetis Poème symphonique pur cent métronomes an - von de Keersmaeker nicht so gemeint, vom Publikum aber genutzt, um aufkommenden Unmut zu artikulieren oder gar das Theater zu verlassen. Um auch dem ICTUS Ensemble zu huldigen, wird nach Reichs Pendulum Music (eigentlich ein Spaß für zwei schwingende Mikrofone, so wie Ligetis Metronomen-Konzert) noch die Marimba Phase als Schlagzeugmusik pur aufgeführt. Dann endlich Tanz. Weiße schwingende Kleider, pendelnde Arme: Cynthia Loemij und Tale Dolven drehen die - noch einmal sei es gesagt - wunderbare, unvergessliche, beglückende Piano Phase. Wiederholungen, Verschlingungen, Linien, Bögen, Spiegelungen, Gegenbewegungen, Asynchronität, bis die Tänzerinnen, fast am Ende ihrer Kräfte, wieder unisono zum Ende kommen. Und doch! Wenn zwei das Gleiche tanzen, ist es nicht dasselbe. Noch immer aber scheint mir dieser feine, unbeschwerte Pas de deux die Quintessenz von de Keersmaekers Tanzwelt zu sein. Beendet wird das Programm mit einem weiteren Schlüsselwerk von Rosas, mit Drumming. Schade, dass da das Publikum schon müde ist, das zerlegte, entwirrte Bewegungsgewebe zu den einprägsamen Rhythmen der vier Schlagzeuge, nicht mehr so recht würdigen kann. Während die Musik den immer gleichen hämmernden Takt behält, bewegen sich die 12 Tänzer/innen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, scheinen oft nichts miteinander zu tun zu haben und finden einander doch in de Keersmaekers berühmten Spiralen. Dazwischen gibt es zwei neue Choreografien zu sehen: Eight Lines, ein fröhlicher beschwingter Reigen für acht Tänzerinnen und Four Organs, getanzt von vier Männern, die mich nicht wirklich begeistern konnten. Reich notierte zu seiner Komposition für vier elektronische Orgeln: Ein kurzer Akkord wird länger. Die Männer beginnen in Zeitlupe und erstarren auch immer wieder in ihren Schwüngen. Die Orgeln werden langsamer, die Tänzer schneller, als ob sich Musik und Tanz voneinander entfernten. Das fordert vom Publikum schon einige Aufmerksamkeit. Beim Applaus sind dann doch alle glücklich, wollen die Choreografin sehen, um ihr zu huldigen und haben verstanden, dass Anne Teresa de Keersmaeker sich verändert, weil sie sich treu bleibt und einen Abend mit Altem und Neuen gestalten kann, der aus einem Guss ist.
Bei ImPulsTanz zeigt Anne Terese de Keersmaeker ihre neue Choreografie zeitung. 7.8., Museumsquartier,
www.impulstanz.com/
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Ditta Rudle |
Online am: 01.07.2008, © www.tanz.at |