Seit zehn Jahren gibt es nun bereits das Ungarische Tanzfestival - heuer öffneten sich daher bereits zum 6. Mal die Pforten der westungarischen Stadt zu einer Woche des Tanzes. Durch das hier seit rund 30 Jahren fix verankerte Ballet Györ hat sich ein besonderes Bewusstsein für den Tanz entwickelt und etabliert. Das alle zwei Jahre stattfindende Festival bietet für jeden Tanzinteressierten etwas - reicht doch die Angebotspalette der etwa 50 Aufführungen vom Volkstanz über klassisches Ballett bis zu Contemporary Dance, Tanztheater und experimentellen Performances. Als Veranstaltungsorte bieten sich diesmal der Platz vor dem Nationaltheater sowie das Nationaltheater selbst mit der großen Bühne bzw. der kleinen Studiobühne (Kisfaludy Terem) im Dachgeschoß. Von Opern Air-Vorstellungen bei freiem Eintritt zur Einstimmung auf die abendlichen zwei Aufführungen (19.00 bzw. 21.30) bis zur Nachtsession (ab 21.00 Uhr, ebenfalls im Freien vor dem Theater) reichen die kulturellen Unterhaltungsmöglichkeiten für die Gäste. Zum Unterschied zu den früheren Festivals ist diesmal das Ballet Györ alleiniger Veranstalter; mit Unterstützung durch die Association of Hungarian Dancers und der Stadt Györ sowie in Kooperation mit der National Dance Theatre Public Benefit Company und einigen Großsponsoren. Zusätzlich zu den bedeutendsten einheimischen Ensembles waren auch Compagnien aus Spanien, Italien, Polen und Bulgarien mit dabei. Im begleitenden Rahmenprogramm gab es eine Fotoasustellung Dance for eternity im Theaterfoyer - Gábor Dusa hat Tanzmomente des letzten Festivals mit der Kamera eingefangen. Das Budapester Tanztheater präsentiert Choreographer-Confessions im Béla Bartók Kulturhaus. Daneben sind das Sommerszene Festival in Salzburg und die Association of Hungarian Dance Artists mit Informationen im Nationaltheaterfoyer präsent. Zur Eröffnung eine Weltpremiere: Gaudi, getanzt vom Ballet Györ. János Kiss, der rührige Direktor der Compagnie und Cheforganisator des Festivals hatte als mutiges Projekt für diesen Anlass Gustavo Ramirez Sansano eingeladen, ein Stück über den berühmten spanischen Architekten des Modernisme, der katalanischen Spielart des Jugendstils zu erarbeiten. Der junge Spanier hat als Choreograf schon einige Auszeichnungen eingeheimst wie z.B.: jeweils 1.Preise beim Richard Moragas of Barcelona Competition of Choreographers und dem Don Perignon Competition of Choreographers in Hamburg. Als Tänzer war er u.a beim Ballet de la Communidad de Madrid (1997-98), dem Nederlands Dans Theatre 2 (1998-2001) und der Hubbard Street Dance Company in Chicago (2001-2002) engagiert. Als Choreograf arbeitete er u.a. bereits für Luna Negra Dance Theater (USA), dem Hamburg Ballet, dem Ballet Carmen Roche Company (Spanien), der abcdance Company (Österreich) und dem Nederlands Dans Theatre 2 (Niederlande). Das Libretto zu Gaudi verfasste Babette Gaudy, eine Verwandte des genialen Monumentalerbauers; die Bühnenausstattung stammt von Luis Crespo (Setting), Bregje van Balen (Kostüme), Péter Hécz (Licht), Tibor Vidos (Scenery) und Andor Timár (Video); die verwendete Musik reicht von Bach bis Knaifel. Eine spannende Idee also, sich mit dem Leben und Wirken dieser einzigartigen wie ungewöhnlichen Persönlichkeit tänzerisch auseinander zu setzen. Statt einer durchgehenden Handlung taucht der Betrachter gleichsam in einen Spiegel der Seele Gaudis ein, nimmt Anteil an seiner Sehnsucht, seinen Ängsten und Gefühlen. Flüchtige Momente des Zusammentreffens in verschiedenen Konstellationen wechseln mit Passagen der Einsamkeit. Hoffnungsfroher, aber auch dramatischer, symphonischer und mit beinahe sakraler Erhöhung gestaltet sich der 2.Teil: statt der Abstraktion wie vor der Pause in puderfarbenen kurzen Kleidchen bzw. Shorts agieren hier Menschen, geht es um Beziehungen, wie in dem schlichten, aber ergreifenden Pas de deux zu Bachs Matthäuspassion. Der Tod wird nicht als Ende sondern als Neuanfang verstanden - durch die Unsterblichkeit seiner Werke. Auch wenn kein eigentlicher Inhalt erzählt wird, will der Choreograf (be)rühren, indem er (E)motion auf seine Weise darstellt. Die verjüngte Compagnie zeigte sich in Höchstform, meistert die schwierigen tänzerischen Elemente der dynamischen, temporeichen Choreografie mit viel Animo. Eine sehr starke Ensembleleistung, in der Balázs Pátkai (Gaudi) und Vírág Sóthy (Josefa) hervorzuheben sind. Anschließend daran Stele von Artus - Gábor Goda Company im Studio. Man sitzt auf einem frei gewählten Platz auf kleinen Klappstühlen rund um eine kreisförmige Plattform, die in der Mitte ein breites Säulenelement beinhaltet, das auch als Projektionswand fungiert. Im perfekt ausgeklügelten Innenleben der Holzkonstruktion finden sich alle nötigen Utensilien, die von den 5 Mitwirkenden - 4 Männer und einer Frau herausgeholt und nach Verwendung wieder verstaut werden, um Handlungen und Rituale in einen anderen Zeit- und Raumkonnex zu stellen - als Zeit gibt es das jetzt und das nicht jetzt. Es kommen ungewöhnliche Musikinstrumente zum Einsatz wie z.B. ein Kohlenkübel als Baßgeigenartiges Saiteninstrument oder es werden Alltagsgegenstände originell, aber oft zweckentfremdet eingesetzt wie eine Axt als Bewegungskatalysator. Sehr experimentell und ungewöhnlich, wie üblich bei Gábor Goda. Am nächsten Abend heizt das Professionell Folk Dance And Music Ensemble Trakia aus Bulgarien einer großen Zuschauermenge bis spät in die Nacht ein - v.a. die Kinder sind hier mit viel Begeisterung sehr motiviert am Mittanzen! Das Contemporary Ballet of Szeged zeigt die Schwanensee-Version seines Chefs Tamás Juronics, von dem auch Der wunderbare Mandarin oder Requiem sehr bemerkenswerte Kreationen waren. Die auch international bekannte Truppe existiert bereits seit 20 Jahren. Im Gegensatz zu der sonst bei ihm gewohnten Eigenständigkeit benutzt er diesmal zahlreiche Klischees, bleibt stilistisch in der Neoklassik hängen und nimmt ideenmäßig u.a. Anleihe bei Mats Ek. Er konterkariert in seinem zweiaktigen Werk die Petipasche Ballettklassik. Der Mythos Schwanensee wird auf vielfältige Art angerissen, aber keine konkret ausgeführt - da gibt es das offensichtliche Spannungsfeld der dominanten Königinmutter und dem schwachen Prinzensohn, bekommt selbiger durch Rotbarts Zaubermacht zur bereits vorhandenen Odile auch Odette an den Königshof, wird der Schwan als Symbol für Reinheit und Wiedergeburt angeführt. über allem steht aber Tschaikowskis Musik, die hier nicht ausreichend mit tänzerischer Bewegung erfüllt werden kann, zu groß ist ihre Macht. Rotbart erscheint als merkwürdige Mischung aus steifem Graf Dracula und Mephisto, die vier Paare Corps de ballet fungieren vielgestaltig: als Hofgesellschaft ebenso wie als Schwanencorps mit nacktem Oberkörper; tanzen die vier Mädchen jeweils als Solo zur Ablenkung des trotzenden Prinzen die Nationaltänze, um achselzuckend festzustellen, dass es ihnen nicht gelingt, die Aufmerksamkeit des jungen Mannes zu erregen. Die Schwäne sind entweder aus Papier in Origami-Technik gefaltet und schwimmen in einer Duschtasse, bevor sie angezündet werden oder sind blutverschmierte tote Plüschtiere in Originalgröße. Videoprojektionen auf sechs Flachbildschirmen, die vom Schnürboden hängen, stehen ebenso im Einsatz. Die Bühne ist in schwarz gehalten, mit einigen Stufen, einem großen Bett im Hintergrund und einigen Stühlen wird das das düstere Schloss dargestellt. Anders als geplant, gab es aus technischen Gründen im Anschluss daran statt des in der Vorschau angekündigten Instinct von Pál Frenak zwei seiner Männersoli auf der Studiobühne zu sehen. Kristof Varnagy beeindruckte sowohl in Mennono (2000) als auch in Trace 2006 durch seinen hyperflexiblen, sehr schön athletisch modellierten Körper und seine starke Bühnenpräsenz. Obwohl nicht zusammen gehörend, wirken die beiden Piecen wie zwei Teile eines überdimensionalen Ganzen. Wird beim ersten im wahrsten Sinne des Wortes (bekleidet mit Badehose, Badehaube und Schwimmbrille) in ein blaues Universum in Form eines kreisförmig aufgelegten Kleides mit überlangem weiten Rock eingetaucht, so sind dieselben Bekleidungsutensilien samt Schwimmflossen auch im zweiten Stück eingesetzt. Zuerst ersteht aus einer starren Statue ein sich bewegendes Objekt, das auch in Taubstummensprache kommuniziert und letztlich wieder zum Stillstand kommt. Nach der Pause werden verschiedene Aspekte des Menschseins bewegungsmäßig umgesetzt, wird dabei durch Licht und Kennzeichnung am Boden ein Swimming Pool suggeriert. Der außerordentlich vielseitige junge Tänzer wird im Herbst mit einem eigenen Tanzprojekt in Budapest in Erscheinung treten. Während die einen noch Kolo tanzten, widmeten sich andere in der schwülen Sommmernacht der langen Nacht der Museen (21.; 23.00 Uhr) im Eszterházi Palast, in dem eine Bildergalerie untergebracht ist. Ein Mann und 2 Frauen in lange fließende Gewänder gehüllt, erfüllen schreitend Rituals (Auftritt der Hungarian Company of Art of Movement). Trotz der starken Konkurrenz durch die Fußball-EM, die auch hierher mit Public Viewing und Großleinwandprojektionen am Rathausplatz ihre Schatten wirft, findet sich außerordentlich viel Publikum bei pannonischer Hitze im klimatisierten Theater. Für Essencia von Experidance, der Truppe von Sándor Román, war die Nachfrage so gewaltig, dass zusätzlich zur Abendvorstellung eine Nachmittagsmatinee eingeschoben werden musste. So tanzte das Ensemble eben zweimal hintereinander jeweils ein fulminantes 50minütiges Best of aus fünf verschiedenen Programmen. In futuristischen Kostümen im vorherrschend Schwarz-Metallic-Look gaben sie eine sehr gelungenen publikumswirksame Mischung aus ungarischem Volkstanz mit Hip-Hop und Breakdance-Elementen, dargeboten in Steppschuhen (!) zum Besten. Da ist so viel Power und Rhythmus drin, gibt es extrem flinke Bein- und präzise Fußarbeit, wird anders als bei irischen Formationen der gesamte Körper samt Mimik und Gestik eingesetzt - in Ungarn tanzt man immer mit Herz, Seele und viel Tämpärament. Hier ist es wunderbar gelungen, einerseits die Tradition der überlieferten ungarischen Tanzschritte zu bewahren, andererseits zeitgemäß im 21.Jahrhunderts zu erscheinen. Ein weiterer wichtiger Programmpunkt dieses Festivals war am 25. Juni die Hommage an Zoltán Nagy jr. In Österreich von den Gastspielen mit dem ungarischen Nationalballett (Der Widerspenstigen Zähmung, Mayerling) im Festspielhais St.Pölten bekannt, wird in einem Galaabend dem kürzlich nach schwerer Krankheit viel zu jung verstorbenen Tänzer gedacht - hier wird auch der Preis für ungarische Ballett- und zeitgenössische Tanzkunst verliehen. Diese Auszeichnung für ungarische Tanzschaffende ist als Nachfolger des früheren Philip Morris-Preis entstanden, dessen erster Preisträger Zoltán Nagy 1993 war. Zum diesjährigen feierlichen Anlass wurde eine neue Trophäe gestaltet. Der Besonderheit dieser Tanzbiennale entsprechend sei noch einmal auf deren Bedeutung über die ungarischen Grenzen hinaus hingewiesen. Nirgends sonst sind alle Tanzsparten einander ebenbürtig und respektierend vertreten wie hier, gehört ein Festival wie dieses hier gepflegt und bewahrt, um den Austausch untereinander und miteinander national und international zu ermöglichen - in diesem Sinn: Viszontlátásra 2010! |