Abschied von einem Visionär mit Zukunft |
Beim aalto ballett theater essen ging die Ära Martin Puttke mit einer gediegenen Gala zu Ende |
Abschieds-Gala für Ballettdirektor Martin Puttke, Aalto Theater essen, 27.06.2008. |
Eine Gala, wie sie sich Geehrte und Publikum wünschen, mit viel gutem Tanz, wenig Pathos und viel Würde! Damit verabschiedete sich das Aalto Theater Essen von seinem Ballettchef Martin Puttke, der dem Theater in seiner dreizehnjährigen Tätigkeit die erfolgreichste Ballettepoche seiner Geschichte hinterlässt. Vielfach als bestes Ensemble des Landes NRW ausgezeichnet, hat Puttke aber weit über dessen Grenzen hinaus, eine beispielhafte Ballettpolitik verfolgt. Als er die Position des Ballettchefs in Essen antrat, hatte er zwar eine Vision, aber kein Repertoire, sagt Puttke. Nun scheidet er mit einem visionären Repertoire. Von 1995 bis 2008 hat er gezeigt, wie man eine Compagnie in ihrer Zeit positionieren und gleichzeitig die klassischen Wurzeln liebevoll und fürsorglich pflegen kann. Da stehen die im traditionellen Stil gehaltenen Inszenierungen von Dornröschen und Nussknacker von Stefan Lux dem zeitgenössisch interpretierten Schwanensee von Stephan Thoss gegenüber. Da vertanzt Christian Spuck Edward Bonds sozialkritisches Bühnenstück Die Kinder oder die Büchner-Komödie Leonce und Lena. Da finden sich aber ebenso Romeo und Julia von Jean-Christophe Maillot, Die Brüder Karamosov von Boris Eifman sowie Werke von Jochen Ulrich, Mario Schröder, Susanne Linke, Kurt Jooss und vielen Anderen auf dem Spielplan. Und das mit einem nicht einmal 30-köpfigen Ensemble. Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, sagte Gustav Mahler. Martin Puttke hat dieses Zitat von Gustav Mahler zu seiner Maxime gemacht, hat sich nie auf einen choreografischen Stil festlegen lassen, sondern hat Talente gesucht und entdeckt oder im richtigen Moment Choreografen von Rang und Namen für seine Compagnie geholt. Dass sie das tanzen konnte, was sie tanzen sollte, dafür sorgte der Vollblut-Pädagoge Puttke im Ballettsaal. Das Ensemble ist vielseitig wie kaum ein anderes, glänzt auf Spitze ebenso wie barfuß. Die Grätsche vom Prinzen zum erdigen Tänzern, von der Ballerina zur ausdrucksstarken Darstellerin meistern die Mitglieder des aalto ballett theaters essen quasi übergangslos. All dies wurde bei der Abschiedsgala im Aalto Theater plastisch vor Augen geführt. Raimondo Rebeck, Erster Solist und Ballettmeister der Truppe, hat einen klug programmierten Querschnitt durch das Essener Repertoire ausgewählt, das neben den hauseigenen TänzerInnen Gäste vom Berliner Staatsballett (Puttkes ehemalige SchülerInnen Beatrice Knop und Marian Walter mit PartnerInnen) sowie AbsolventInnen der Tanz Akademien aus Zürich und Antwerpen präsentierte. Darüber hinaus punktete diese Gala mit exzellenten Festrednern, darunter der Linzer Ballettchef Jochen Ulrich und der Präsident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, ein unermüdlicher und leidenschaftlicher politischer Kämpfer für den Status des Tanzes in Deutschland. Denn auch als Interessensvertreter ist Martin Puttke eine Leitfigur in der deutschen Tanzszene, ein eloquenter und engagierter Gesprächspartner, der den Anliegen der Tanzgemeinschaft durch seine präzise Argumentation auf politischer Ebene Gehör verschafft. Persönliche Statements etwa des Geschäftsführers der Theater und Philharmonie Essen Otmar Herren und ein Ständchen von Puttkes Tochter, der Schauspielerin, Sängerin und Buchautorin Bastienne Voss erinnerten aber daran, dass der Anlass der Gala eben doch auch ein schmerzvoller Abschied ist. Ben Van Cauwenbergh, Puttkes designierter Nachfolger, tritt kein leichtes Erbe an
Der junge 65-jährige Martin Puttke selbst blickt allerdings in eine spannende Zukunft. Er wird in St. Petersburg eine neue Tanzhochschule aufbauen und damit die angehenden TänzerInnen der russischen Hochburg des klassischen Balletts für den Tanz im 21. Jahrhundert schulen. Motor für das Jobangebot war der Choreograf Boris Eifman, der bei der Umsetzung seines Werkes durch die Essener Compagnie wohl erkannte, was seinen eigenen TänzerInnen fehlt: eine Erweiterung des strikten und strengen Bewegungskanons der Waganowa-Schule und eine Durchlässigkeit des Körpers für seine dynamischen, komplizierten Schrittkompositionen. Bevor Puttke diese ehrenhafte wie herausfordernde Aufgabe 2010 antritt, wird er seine alternative Tanzpädagogik, in die er Erkenntnisse aus der Biologie und der Sportmedizin integriert hat und die daher nicht nur für klassisches Ballett, sondern längst stilübergreifend anwendbar ist, in Europa in mehreren Seminaren vermitteln, demnächst in Bregenz, Bozen und Antwerpen. |
Edith Wolf Perez |
Online am: 01.07.2008, © www.tanz.at |