Die kalte Magie der Perfektion

Mit Brillanz besiegen die weißen Schwäne aus St. Petersburg das Böse.

Schwanensee, Volksoper Wien, 29.06.2008.

Wenn am traurigen Ende des Ballettmärchens vom „Schwanensee“ Prinz Siegfried verzweifelt mit den Wellen kämpft und seine schöne Schwanenprinzessin verloren hat, dann schwillt mir das Herz, es quellen die Tränen. In der Wiener Fassung von Rudolf Nurejew. In der St. Petersburger Variation von Konstantin Sergejew (beide basieren auf Marius Petipa und Lew Iwanow) braucht niemand zu weinen. Prinz Siegfried bricht dem bösen Zauberer Rotbart die Flügel, die weißen Schwäne siegen über die schwarzen, die Liebe triumphiert.
Doch die Erzählung ist den KünstlerInnen des St. Petersburger Mariinsky Theaters (ehemals Kirow) nicht so wichtig, wie die Perfektion der Darbietung. In eiskalter Präzision zeigt sich das Corps de ballet als ein homogener Körper, der im Einklang mit der Musik Peter Tschaikowskis (Boris Grusin dirigierte das Orchester des Mariinsky Theaters mit Umsicht und Verve) zu Höchstform gelangt. Da sitzt jede Bewegung, die Köpfe neigen sich, die Arme heben sich, im Gleichklang, die Füße berühren kaum den Boden, wechseln den Takt ohne zu taumeln oder zu straucheln. Auch die „kleinen Schwäne“ erscheinen in ihrem Pas de quatre nahezu identisch und bewältigen die Diagonale exakt und mühelos, als vollkommene Tanzmaschinen.
Konnte das Publikum in der keineswegs prall gefüllten Volksoper vom „Fest im Park“ im ersten Akt noch nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen werden, so erwachte es spätestens bei den Nationaltänzen während des „Balls im Schloss“ im dritten. Trotz des hinreißenden Temperaments, das Tänzer und Tänzerinnen entwickelten, ging nichts von der vom klassischen Ballett alter Schule, und das wird nun mal in St. Petersburg gepflegt, verlangten exakten Formensprache verloren. Unter den SolistInnen wurde Viktoria Tereschkina als Odette/Odile zurecht mit Bravorufen überhäuft. Ihr überragendes technisches Können lässt schnell vergessen, dass von inniger Liebe zwischen ihr und dem Prinzen wenig zu spüren ist. Das mag auch daran liegen, dass die Rolle des Prinzen zu wenig tänzerische Herausforderungen bietet und erst in Nurejews Choreografie die Pas de deux für beide, Prinz und Prinzessin, ergiebig gestaltet sind. Andrian Fadejew (in Wien im missglückten Harangozó-Nussknacker zu Gast) hatte nicht viel mehr zu tun, als zu heben und zu halten und die fotoreifen hinreißenden Posen der Ballerina vorzubereiten. Dies jedoch tat er mit Eleganz, die auch seinen (raren) Sprüngen zuzubilligen ist.
Rotbart (nicht als Fledermaus verkleidet, sondern als schwarzer Engel) hat da schon mehr Möglichkeiten, sich zu profilieren. Besonders in der Ballszene mit Odile, wo beide, Konstantin Zwerew und Tereschkina, die Intrige auch in funkelndem Augenspiel sichtbar machen. Als Publikumsliebling konnte sich Andrej Iwanow (Narr) durch fulminante Pirouetten und kräftige Sprünge profilieren. Das Bühnenbild von Igor Iwanow muss nicht weiter erwähnt werden, auch wenn der gotische Kitsch dezenter ist als die üppigen Wiener Aufbauten von Jordi Roig in den „bunten“ Akten. Die Kostüme von Galina Solowjowa verlegen die Handlung ebenfalls in ein weit entferntes Jahrhundert, als tapfere Ritter schöne Burgfräulein verehrten. Richtig schön ist jedoch der letzte Akt, in dem hinter dem See die Morgenröte glüht und die Mischung von (wenigen) schwarzen Schwänen mit den bezaubernden weißen ein ganz neues Bild ergibt. Die fehlerfreie Darbietung, ganz auf die richtigen Bewegungen und Haltungen ausgerichtet, übt mit der Zeit einen Sog aus, dem man sich trotz der fehlenden Gefühlsebene nicht entziehen kann. Die Freude an der akkuraten Fußhaltung, den im Gleichklang als Flügel gebogenen Arme und Hände, den Pirouetten und Hebungen lässt die Geschichte nicht mehr wichtig erscheinen. Auch die kalte Magie der Perfektion kann begeistern.
Nachdem Rotbart unter Krämpfen endlich das Zeitliche gesegnet hat und Prinz Siegfried seine Odette als Königin in den Himmel heben darf, gab's Blumen und Küsse auf der Bühne und dem hervorragenden Anlass entsprechend zu wenig Enthusiasmus im Publikum.

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Ditta Rudle

Online am: 01.07.2008, © www.tanz.at