Indien liegt in Wuppertal

Pina Bausch und ihr Ensemble erinnern sich mit prächtigen Bildern an Indien

Bamboo Blues, Théâtre de la Ville, Paris, 01.06.2008.

Das Théâtre de la Ville am Pariser Place du Châtelet ist die Adresse für zeitgenössischen Tanz. Schon Monate im Voraus sind die Gastspiele von Anne Teresa de Keersmaeker, Sasha Waltz, Wim Vandekeybus oder Angelin Preljocaj ausverkauft. Schon eine Stunde vor jeder Vorstellung patrouillieren Abgewiesene auf der Suche nach überraschendem Kartenglück vor dem Theater auf und ab. Vier bis sieben Tage dauern die Gastspiele meist, doch Pina Bausch als besonderer Liebling der PariserInnen und seit Jahren als Saisonabschluss programmiert füllte ganze zwei Wochen die 2500 Plätze des ehemaligen Théâtre Sarah Bernhardt.
Heuer reiste die Grande Dame des Tanztheaters mit 17 TänzerInnen des Tanztheaters Wuppertal an, um ihren „Bamboo Blues“, indische Erinnerungen und Assoziationen, entstanden 2007, zu zeigen.
Schon vor dreißig Jahren hat Bausch ihre Liebe zu Indien entdeckt und den Subkontinent seitdem immer wieder besucht. 2006 hat sie mit einem Teil ihres Ensembles in Kalkutta und Kerala Eindrücke gesammelt, die später im Studio zu einem zweistündigen Stück verarbeitet worden sind. Im heurigen Jänner hat sie das getanzte Reisetagebuch auch am Ort der Inspiration vorgeführt.
„Bamboo Blues“ besticht im ersten Teil vor allem durch schwungvoll fließende Bewegungen und die Farbenpracht der Kostüme (Marion Cito). Der 67jährigen Choreografin ist es ein Anliegen, nicht nur immer das Hässliche sondern auch das Schöne zu zeigen. Konflikte und Not sind immer sichtbar, die Schönheit will entdeckt sein, meint sie und hält sich an Indien, weil sie eine Kultur kennen gelernt hat, die Musik und Tanz aufs Raffinierteste verfeinert hat. Doch Bausch arbeitet nicht mit konkreten Bildern oder Episoden, sondern filtert ihre und der TänzerInnen Erinnerungen und Eindrücke durch die europäischen Erfahrungen. Blitzlichtartig sind Indien-Bilder aus dem Reisekatalog, aus Romanen und Filmen zu erkennen. Assoziationen zum Kathak, Kathakali und Tempeltänzen, zum bunten Treiben auf den Märkten, zu indischen Mythen und Märchen - und auch zu verbreiteten Klischees - tauchen auf und versetzen das Publikum in eine andere Welt. Auch wenn die Szenen schnell geschnitten sind, die Damen durch die Luft fliegen und die Herren wie rasende Derwische die Glieder verrenken, kommt keine Hektik auf, im Gegenteil das gesamte Stück strahlt beruhigende Gelassenheit und zärtliche Vorsicht aus. Beteiligt daran ist auch Shantala Shivalingappa, in Paris lebender Star des indischen Kuchipudi Tanzes, die sich inmitten des Wuppertaler Ensembles bewegt - raffiniert, grazil, bezaubernd.
Im zweiten Teil denkt Bausch an das heutige Indien, die aufstrebende Technologiemacht und die Computerleidenschaft, an Vergnügungssucht und Boollywood. Dann aber kehrt sie wieder zurück ins traditionelle Land ihrer Erinnerungen und wiederholt den ersten Teil. Da hätten einige Kürzungen wohl getan, doch Pina Bausch war noch nie eine Freundin der Knappheit.
Bausch und das Ensemble erzählen nicht von Indien an sich, sondern von ihrem Indien. Das macht auch die Musik deutlich, eine Mixtur aus Popsongs, traditionellen indischen Klängen, neuen Kompositionen und Filmmusik. Ein luxuriöses Schauspiel alles in allem, dessen satte Farben und geschmeidige Bewegungen einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen.

www.pina-bausch.de
www.theatredelaville-paris.com

Ditta Rudle

Online am: 23.06.2008, © www.tanz.at