Vielfältig homogen im weit gespannten Bogen

Historische und zeitgenössische Choreografien zeigten wie Österreich tanzt

Festival „Österreich tanzt“, Festspielhaus St. Pölten, 16. bis 22.06.2008.

„Generations“, das Motto, das Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov, die Kuratoren des heurigen Festivals „Österreich tanzt“, gewählt haben, kann mit vielerlei Brillen gelesen werden. Als Querschnitt durch die heimische Tanzszene, als Längsschnitt durch die Gesellschaft, als Aufriss der Stile, als Bogen von Ballett zu Performance; die Zeitlinie kann vor und zurück verfolgt werden oder sich auch im Kreis drehen und schließlich kann der soziale Körper als Summe aller Generationen betrachtet werden. So haben sich Selimov und Aichinger ein breites Spektrum eröffnet, um in den Vorstellungen zu zeigen, was ihnen am Herzen liegt und an die Nieren geht.

Die Eröffnung
„und“ von Doris Uhlich zum Beispiel, die mit Männern und Frauen der Großelterngeneration (die Jüngste ist 1948 geboren, der Älteste 1921) biografische Erinnerungen und Assoziationen erarbeitet hat. Die neun DarstellerInnen, die meisten von ihnen mit Bühnenerfahrung, haben ihren eigenen Zugang zum gelebten Leben gewählt. Die einen erzählen, die anderen marschieren, eine versucht ihren Traum vom Spitzentanz zu verwirklichen, einer denkt an den Krieg und singt. Kontakt zueinander entsteht nicht, daher wohl auch kein dramaturgisch geschlossenes Stück, sondern eher eine Aneinanderreihung von Einzelauftritten, die schließlich im Gewirr der Stimmen und Bewegungen münden.
Sebastian Prantl geht mit „KAIRÓS in[ter]vention vol 3“ einen ganz anderen Weg. In seinem Stück stehen die „zufälligen“ Begegnungen, die sich im gemeinsamen Raum der TänzerInnen ergeben, im Mittelpunkt. Ob diese Begegnungen flüchtige Momente bleiben oder sich zu intimen Beziehungen entwickeln - sie sind markante Punkte, die den Fluss der Zeit nicht aufhalten können. Die TänzerInnen des Tanz Atelier Wien können sich austoben - der eiserne Vorhang auch auf der Hinterbühne des Festspielhauses wird gehoben und gibt den Blick auf das Klavier (das leider an diesem Abend wegen der erkrankten Pianistin Cecilia Lee nur symbolhafte Bedeutung hatte), und den Raum der Vorderbühne frei, den die jungen TänzerInnen wie in einem Befreiungsschlag nützen. Im Gegensatz zum ersten Teil der Serie „KAIRÓS in[ter]vention“, in der reife Tänzer Sebastian Prantl solistisch eine sehr stringente Geschichte umsetzt (siehe auch Kritik), ist der dritte Teil vom jugendlichen Temperament geprägt. Auf der großen Bühne wirkt das Geschehen eher zerstreut als gebündelt und verliert damit jene Intensität, die den ersten Teil auszeichnete. Gewonnen wird hingegen der Eindruck von jugendlicher Unbeschwertheit und ungehemmtem Bewegungsdrang.

Next Generation
In einem Punkt fokussiert hat sich die Zeitlinie am Abend der „Next Generation“, den StudentInnen der Ballettschule der Wiener Staatsoper , der Konservatorium Wien Privatuniversität, der SEAD -Salzburg Experimental Dance Academy und der IDA/ Anton Bruckner Privatuniversität mit Verve und Engagement bestritten haben. Es war dies der erste Abend dieser Art, an dem sich die vier Ausbildungsinstitutionen zusammen beteiligt haben. Und es wurde zu einem wahren Aushängeschild für die Qualität der Tanzausbildung in Österreich, die ein Reservoir an begabten und engagierten TänzerInnen hervorbringt, das bislang in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. In dem vielseitigen und abwechslungsreichen Programm stachen choreografisch vor allem Nikolaus Adlers „Requiem for a Queen“, getanzt von Studierenden der Abteilung Ballett an der Konservatorium Wien Privatuniversität, sowie die selbstironische, köstliche Performance-Persiflage „observing observing - a piece for an audience“ von Matthew Smith mit Studentinnen der SEAD hervor.
Eines scheint aber mit diesem Abend außer Frage zu stehen: dass die Initiative einer gemeinsamen Plattform der Tanzausbildungsinstitute in Österreich unbedingt eine Zukunft haben muss!
Auch in dem Workshopprogramm gab es neben dem vielfältigen Angebot für Laien - von Ballett bis Hip Hop, für Kinder ab 7, für Jugendliche und für die Generation 55+, spezielle Angebote für den professionellen Tänzernachwuchs. Vier Tage lang arbeiteten Studentinnen aus den vier oben genannten Ausbildungsinstituten zusammen. Am Vormittag gab es Ballett und zeitgenössischen Tanz mit Esther Balfe, die mit ihrem komplexen Unterricht die jungen Tänzerinnen wahrlich (heraus)forderte. Am Nachmittag arbeiteten sie in einem Choreografie-Lab mit Manfred Aichinger an verschiedenen Themen, die sie abends in einer Performance an einem jeweils anderen Platz in St. Pölten öffentlich machten. Mit ihren stimmungsvollen Improvisationen setzten sie ein sehr lebendiges Zeichen des Tanzfestivals in der Stadt.

Der dritte Tag
Quasi als Rauminstallationen könnte man die Stücke „Palimpsest“ von Maja Slattery und „körper.bauen.stellen / trio version“ von Georg Blaschke betrachten. „Palimpsest“, ein abgeschabtes und neu beschriebenes antikes oder mittelalterliches Manuskript, ist ein vielversprechender Titel und der Programmtext des Kultur- und Medienmanagers Axel Fussi erzählt vom Vorwärtsschreiten im Rückwärtsgehen und von der Bedeutung des Vergangenen. Sehr schön, sehr abstrakt. Doch Tanz oder Performance ist konkret und philosophische Überlegungen sind schwer in Bewegung umzusetzen. Also ist es geraten, den Text wieder zu vergessen und Sabile Rasiti zu beobachten, wie sie unermüdlich vorwärtsschreitet, während sie zurückgeht. Indessen versucht sich Betka Fislová aus ihrer verpuppten Stellung vom Boden zu erheben. Mitunter wechseln die Tänzerinnen einen Blick, eine kurze Annäherung, ja Berührung gelingt, doch kann sich keine wirklich aus dem Gefängnis (der Vergangenheit, der Erinnerungen?) befreien. Die Spannung die anfangs durch das unermüdliche Gehen, Stehen und Warten, durch die hilflosen Ausbruchsversuche durch plötzliches Rennen aufgebaut wird, verflacht. Kein Ziel ist in Sicht, keine Auflösung, kein Höhe- und kein Schlusspunkt. Die beiden Frauen geben auf, sie haben nichts erreicht. Der leere Raum wird dunkel. Traurig, nahezu verzweifelt stehen die Tänzerinnen in einem aus Licht geformten Quadrat.
Mit dem leeren Raum arbeitet auch Georg Blaschke, wenn er drei Figuren (Andrea Stotter, Heide Kinzelhofer und er selbst) in den Ecken an die Wand lehnt. Die Trioversion seiner Soloarbeit „körper.bauen.stellen“ gibt nicht nur frappierende Blicke auf den menschlichen Körper frei sondern verändern auch immer wieder den großen freien Raum des Haydn-Saales im Festspielhaus St. Pölten. Ein Puppentheater, eine Skulpturenausstellung, eine Käfersammlung, ein Tanztheater - die Körperinstallation von und mit Georg Blaschke, in der Stille des leeren Raumes, nur durch unvermittelt hörbare Musikfetzen durchbrochen, ist alles zugleich und doch etwas anderes, auf jeden Fall gänzlich Neues. Im stetig wechselnden Licht fallen die Figuren in sich zusammen, reiben die Bäuche aneinander, recken die Hintern Höhe, verschlingen und entwirren sich, kommen aus ihren Ecken und kehren wieder dahin zurück. Das entbehrt nicht des hintergründigen Witzes und auch nicht der aufblitzenden Erotik. Schade, dass plötzlich das Licht erlischt und das Trio blitzartig durch die Wand verschwindet. Beigestert hat nicht nur die präzise Leistung der PerformerInnen, sondern auch Blaschkes Konsequenz, eine Idee, nicht nur theoretisch zu durchleuchten sondern sinnlich und auch unterhaltsam erfassbar werden zu lassen.

Der Samstag: Talk&Performance
Ein besonderes Erlebnis bescherte der Samstag mit einer „Talkperformance“. Bert Gstettner (Tanz*Hotel) zeigte seine verstörende Soloperformance „Splitter*Scherben“, in der sich der Tänzer/Choreograf mit Trauer und Wut, Gewalt und Zerstörung (und Neubeginn) auseinander setzt. Mit eisernen Stiefeln zerstampft er aufgeschichtete Teller und geht mit bloßen Füßen über die Scherbenhaufen. Manon Liu Winter hat am offenen Klavier die Geräusche der Zersplitterung und Zerscherbung nach- oder auch vor-empfunden und interagiert zu den fertigen Klängen live mit dem Performer. Nicht nur der beim anschließenden „Talk“ mit einem (wie gewohnt) brillanten und spannenden Vortrag begeisternde Soziologe Leopold Rosenmayr war von der Vorführung im gläsernen Foyer des Festspielhauses tief berührt.
In einer Linie mit Blaschke und Prantl, allerdings an deren Anfang, steht auch die vornehmlich in Salzburg und im Ausland arbeitende Choreografin (und Tänzerin) Editta Braun. Auch sie lässt die Puppen tanzen, geht an ihr Stück „Luvos. Vol. 2“ mit Intelligenz und Witz heran. Das Erstaunliche an dieser höchst lebendigen Auseinandersetzung mit echten und virtuellen Körperbildern ist, dass Braun die Grundidee bereits in den spätern Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt hat. Wenn Füße zu Händen werden, Beine zu Flügeln, Hände zu Schwanenhälsen und die auf rotem Grund kriechenden und rollenden nackten Wesen keine Köpfe haben, dann entstehen abstruse, obszöne, beklemmende aber auch überaus komische Bilder. Mit „Luvos. Vol. 2“ hat Editta Braun etwas geschaffen (und geschafft), was aus bisher eher aus einer ganz anderen Generation, der des klassischen Balletts bekannt ist: einen Dauerbrenner.
Mit Spaß an der Freud gehen auch Choreografin Helene Weinzierl und die Tänzer Erich Rudolf und Juraj Korec an ihre „variations on a basic theme“ heran. Zuerst muss das Publikum arbeiten, auf Befehl die Augen schließen, Bilder imaginieren. Dann beginnen die beiden Tänzer doch lieber miteinander zu kommunizieren, was auch nicht sonderlich gut gelingt und zu grotesken Verrenkungen und burlesken Szenen führt. Ein Pas de deux weniger des Gleichklangs als der Differenzen, angenehm akzentuiert von Oliver Stotz' Musikbegleitung.

Hommage an Grete Wiesenthal
Die 100 Jahre zurückliegende Generation der Wiesenthal-Schwestern bildete den Abschluss dieses konsequent und abwechslungsreich gestalteten Festivals. Als künstlerische Leiterin des Projekts einer „Hommage an Grete Wiesenthal“ hat Andrea Amort jedoch jeden tränenseligen Blick in eine schönere Vergangenheit vermieden, indem sie mit dem von Hedi Richter choreografierten Walzer „Sphärenklänge“ (Joseph Strauß) und der Uraufführung von Rose Breuss „Sphäroide“ (zu einem Trompetensextett von Franz Hautzinger) das Werk von Grete Wiesenthal einerseits in der Nachempfindung anderseits in einer Art Weiterführung ins Programm gehoben hat. Dazwischen zeigten Studierende der Konservatorium Wien Privatuniversität sowie Julia Mach und Esther Koller Grete Wiesenthal im Original. Die Kostüme für die Wiesenthal-Tänze („Wein, Weib und Gesang“, „Rosen aus dem Süden“ - Johann Strauß Sohn, „Der Weintretetanz“, - Franz Salmhofer, sowie das Duo „Der Tod und das Mädchen“ - Franz Schubert) hat die Modedesignerin Christiane Gruber entworfen, angelehnt an den Jugendstil, fließend und schwingend, ganz im Sinn der Grete Wiesenthal. Ein attraktiver, auch im Sinn eines lebendigen Tanzarchivs wichtiger Abend, der durch das Datum einen besonderen Akzent erhielt: Am 22. Juni, dem Tag der Premiere, ist Grete Wiesenthal vor 38 Jahren gestorben. Das Debüt der Grete Wiesenthal und ihrer rauschhaften, schwingenden Tänze fand übrigens genau vor 100 Jahren statt, 1908 im Wiener Kabarett Fledermaus.

www.festspielhaus.at

Ditta Rudle

Online am: 23.06.2008, © www.tanz.at