Erwacht der Tanz auch in Kärnten?

Premieren in Klagenfurt, Villach, Millstatt und Gmünd

Engelfragmente, Lodronsche Reitschule Gmünd, 30.05.2008.

Während der Tanz in den meisten Bundesländern fester Bestandteil der Mehrspartentheater ist und auch die freie Szene belebt, machte er sich in Kärnten in den letzten Jahren, ja eigentlich Jahrzehnten, mehr als rar. Nun gibt es Anzeichen für eine neue Entwicklung. Fast sensationell ist die Ankündigung von Josef Ernst Köpplinger, in seinem zweiten Jahr als Stadttheaterchef in Klagenfurt den Tänzer und Choreografen Karl Schreiner mit einer Tanzuraufführung (zu Schuberts "Winterreise", Premiere April 2009) zu beauftragen. Wie es zum plötzlichen Gesinnungswandel des Prinzipals, der von Tanz stets nur im Zusammenhang mit Musical, Oper oder Operette sprach, kam, weiß wohl nur er selbst. Oder trieb ihn vielleicht das Kärntner Publikum selbst, das regelmäßig und zahlreich, ja oft busweise nach Laibach pilgert, wo es ausgiebigst Tanz, wie zuletzt bei den "Ballettagen" (die über eine Monat dauerten, klassische Moderne, u.a. einen Uwe Scholz-Abend brachten), bekommt? Allein auf weiter Tanzflur stand und steht bis jetzt in Kärnten ja nur die "neuebuehnevillach", deren Leiter Michael Weger unbeirrt und erfolgreich den Weg zwischen Avantgarde und etablierten Namen des Sprech-, Musik- und Tanztheaters geht, mit jeweils mehreren Uraufführungen jährlich. Heuer sorgten dort die Österreich-Premieren von Eric Trottiers "Clown Story" und Anna Heins und Zoltan Danis "Blanche" für bejubeltes, dichtes Tanztheater an ausverkauften Abenden. Weger wurde jetzt ein größeres Haus in Aussicht gestellt.
Groß sind auch die Kärnten-Pläne der deutschen Regisseurin, Choreografin und Tänzerin Andrea K. Schlehwein, die vor einigen Jahren nach Millstatt zog und in der "Dépendance" des Stiftes einen Probenraum mit Wohnmöglichkeit zur Vermietung an produzierende Künstler adaptierte. (Diese werden übrigens gerade von Anna Hein genutzt für ein Auftragswerk der Musikwochen Millstatt: "Der Turm" - als Inszenierung des archtektonisch einmaligen Sprungturms von Millstatt aus 1930 mit zeitgenössischem Tanz, Neuer Musik, Wasserspringern, Lichtkunst am 17.August). Von Millstatt aus will Schlehwein, ausgehend von ihrer neuen Produktion "Engelfragmente", ein Tanznetzwerk für Kärntens freie Szene aufziehen - sofern sich genügend Geldhähne dafür öffnen.
„Engelfragmente“, das nach einer Teilpremiere (Solo) in Köln 2006 mit Spannung erwartete Tanztheaterstück von Andrea K. Schlehwein und ihrem Team, ging nun in Gmünd, dem erfolgreich um Avantgarde bemühten Oberkärntner Hot Spot für Kunst, erstmals komplett in Szene. Die neunteilige philosophisch-poetische Auseinandersetzung um (Über)Lebenskunst beeindruckt in erste Linie durch feine Optik und Stimmungen: Weiß in Weiß-Ästhetik bei Bühne und Kostümen und -teilweise - gelungene Licht- und Soundeffekte können Schwächen von Choreografie und Interpretation allerdings nur zum Teil wettmachen. Die zur Bühne umgebaute, barocke "Lodronsche Reitschule" bietet zwar Ambiente, doch kaum akustische Möglichkeiten: Die oft langen Textpassagen (verfasst von Schlehwein, vorgetragen von der Schauspielerin Eleonore Schäfer) verhallten meist unverstanden. Choreografisch kann die Künstlerin die Schwebezustände einer Frau zwischen Sein und Nichtsein, Bodenhaftung und Fliegen, Sehnsüchten und Wirklichkeiten in ihrem neuen Stück nur selten packend darstellen. So hätte sie vor allem nicht die gleiche Tanzsprache für sich und die zweite Tänzerin, Julia Hechenblaikner, wählen sollen. Zu verschieden sind die beiden Darstellerinnen in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, Tempo und Präsenz, sodass weder Momente der Spannung, noch solche der Harmonie wirklich gelingen und der Tanz insgesamt eher mühsam konstruiert, holprig und zäh wirkt und selten berührt. Nur zweimal finden sich Spiel, Tanz und Bühne in dramatischer und rhythmischer Spannung vereint: einmal, als versucht wird, dem Wort Einhalt zu gebieten und gegen Schluss, wenn Hechenblaikner ein virtuoses, „flügellahmes“ Solo hinlegt.

Andrea Hein

Online am: 12.06.2008, © www.tanz.at