Tränen und Wolkenbruch

Die traurige Geschichte von Tancredi und Clorinda endet als Wasserspektakel in einer Opernruine. Mit „Campo Amor“ gelang Jochen Ulrich in Begleitung des Bruckner Orchesters Linz effektvolles und auch ergreifendes Tanztheater.

Campo Amor, Landestheater Linz, 03.05.2008.

Tancredi hat seine Liebste getötet. Mit dem Feind wollte er sich messen und schlug so lange auf sie ein, bis sie ihr Leben aushauchte. Jetzt weint er bittere Tränen und der Himmel weint mit. Wassermassen ergießen sich aus dem Schnürboden lassen die Bühne zum Meer werden. Mit dem Solo des Tancredi (überzeugend Martin Dvo_ák) im unaufhörlich fallenden Regen zu den hypnotischen Klängen von Philip Glass (Filmmusik aus „The Hours“) hat das neue Ballett von Jochen Ulrich „Campo Amor“ den ersten Höhepunkt erreicht. Ab da steht die Bühne unter Wasser, die TänzerInnen bewegen sich in Baumwollsocken und lassen es dennoch nicht an den für Ulrich bezeichnenden expressiven, teils auch exaltierten Bewegungen fehlen.
Für die Ouvertüre hält sich Ulrich an Torquato Tasso, der dem „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ in seinem Kreuzfahrerepos „La Gerusalemme Liberata“ eine Strophe widmet, und berichtet vom tödlichen Kampf der Liebenden, die einander nicht erkennen, in theatralisch barocker Manier. Tancredi (achtfach, um alle seine Gemütslagen sichtbar zu machen) und Clorinda (Anna _t_rbová mit fünf Doppelgängerinnen) sind kostümierte Puppen (Ausstattung: Stephan Mannteuffel) die sich perfekt zu Claudio Monteverdis musikalischem Kampfgetümmel für drei Stimmen bewegen. Auf der Hinterbühne tremoliert das Brucknerorchester, hoch oben auf einem schwebenden Podest erzählt Martin Achrainer als Testo die Episode, auf dem abgedeckten Orchestergraben singen Isaac Galán und Cheryl Lichter als Tancredi und Clorinda ihren Part. Ein bewegtes und bewegendes Vorspiel. Doch erst wenn der Kampf durch den Tod beendet ist, beginnt das Spiel am Campo Amor, dem Feld der Liebe. Dieses aber steht unter Wasser. Da will sich einer, einer der getötet hat, wo er lieben sollte, reinwaschen.
Ulrich lässt Tancredi (alle Tancredis) der Seele Clorindas in die Unterwelt folgen und setzt sich in seinem Stück damit auseinander, was nach dem Krieg passiert, wie es weitergehen soll, wenn die Welt zerstört und die Liebe verloren ist. Man muss schon im Programmheft blättern, um zu wissen, dass „Campo Amor“ auch der Name des zerstörten Opernhauses von Havanna ist und die seitlichen Bahnen mit den Bildern einer Theaterruine daran erinnern. Auch ist nicht genau zu erklären, was sich im Damenzirkel auf der Vorderbühne abspielt. Liebesszenen, weibliches Getuschel, ironische Distanzierung? Egal, im plüschigen Ambiente der alten Oper umgibt jede Bewegung einen geheimnisvollen Schimmer und wenn die Tänzer ihre Partnerinnen durch die Zuschauerraum ins Foyer tragen, erhält die Szenerie etwas Märchenhaftes - vertraut und unheimlich zugleich. Simultan wird oben weiter geplanscht und gepritschelt. Die Tänzer haben sichtlich Freude am prickelnden Spiel im ungewohnten Element und versuchen die Effekte sprühender Tropfen und im wechselnden Bühnenlicht funkelnder Fontänen auszukosten, dass die Wasserspiele bald mancher Zuschauerin etwas überzogen scheinen. Doch der unaufhörliche Sog der Glass-Musik (Maki Namekawa beeindruckt am Klavier) hüllt ein und wühlt auf und lässt Trauer und Schuldgefühle des sich windenden Tancredi körperlich spürbar werden. Nicht nur Martin Dvorák imponiert mit seinem herrlichen Solo, auch Anna Sterbová darf als Clorinda ihre Gefühle tanzend ausdrücken und damit beeindrucken. Endlich haben auch die Damen der Compagnie des Linzer Landestheaters ein tänzerisches Eigenleben und müssen sich nicht mehr von den so akrobatisch tanzenden Männern als Dekorationsstücke umherschleppen lassen.
Ulrich hat keine Scheu vor Theatralik, weiß, dass das Publikum große Emotionen, expressive Gesten und schöne Bilder liebt (schwarz gewandete Tancredis tragen weiße Brautkleider durchs grün schimmernde Wasser; Tancredi liegt weinend im Wasser und wird durch einen schräg gestellten Spiegel reflektiert, als ob er in weiter Ferne stünde) und schert sich wenig, um die Katalogbegriffe der Engstirnigkeit, seien sie nun unter heute, gestern oder morgen abgelegt. Mit „Campo Amor“ zeigt er groß angelegtes, aufwühlendes Tanztheater und lässt seine Choreografie durch das perfekte Zusammenwirken von Musik und Tanz, Orchester, SolistInnen und TänzerInnen zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk verschmelzen. Ein rundum befriedigender Abend mit beachtlichen Leistungen, der nicht zuletzt durch den Einsatz des Ensembles als AquakünstlerInnen eine besondere Note erhält.
Wie schwierig es ist, sich im Nassen zu bewegen, zeigten die Musikerinnen und Dirigent Ingo Ingensand als sie im tosenden Applaus über die Bühne schlitterten und Mühe hatten, nicht auf dem Hinterteil zu landen. Was nicht immer erfolgreich war und so die traurige Geschichte von der Liebe und vom Krieg unter Gelächter enden ließ.

Weitere Uraufführungen: 12., 15., 24. Mai, 3., 7., 20. Juni 2008
http://www.landestheater-linz.at/

Ditta Rudle

Online am: 07.05.2008, © www.tanz.at