Hollywood lässt grüßen

Darrel Toulons "Antonius und Cleopatra" in Graz - Monumentaltanz als wahres Kitsch- und Kunsterlebnis

Antonius und Cleopatra, Grazer Oper, 19.04.2008.

Darrel Toulon, holte in seiner vorletzten Saison als Leiter des Grazer Opernballetts Hollywood an die Mur: Seine Version von Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ lässt Ben Hur & Co blass aussehen und wäre, gäbe es die Kategorie „Filmtanz“, mehrfach oscarverdächtig. Jeder kann sich da ein Stück vom Römerschinken abschneiden: Muskelfleisch von handlungsschreibenden bzw. -treibenden „Hieroglyphen“ (die, auf schrägem Obelisk turnend, dem Stück zu einem spektakulären Start verhelfen), feine Tanzhappen wie „Octavias“ (Livia H_llová) Solo, „Cleopatras“ (Marta Lastowska) orientalische Ausstrahlung und mal verführerische, mal zornige Gesten oder die Zartheit von „Caesarion“ (Balletteleve Benjamin Griffith). Michál Zábavík ist als „Antonius“ wieder einmal Tanz und Natur pur.
Stilistisch nähert sich Toulon diesmal mehr als bei seinen bisherigen Arbeiten seinem Entdecker und Förderer im Tanzforum Köln, Jochen Ulrich, an dessen Vorliebe für Zitate, Sinnliches und große Gesten. Dennoch ist „Antonius und Cleopatra“ ein „echter Toulon“, oft plakativ und schick gestylt mit eher abstrakter Sinnlichkeit, aus Elementen des klassischen Balletts mit freien Bewegungen (da könnte man choreografisch noch mehr herausholen) und in (bescheidenen) Ansätzen des Modern Dance.
Seltsam kindlich mutet im doch recht heutigen Stilgefüge der Einsatz von Pantomime an. Nicht ohne Ironie bringt Toulon die obligate Aktualisierung in Momentaufnahmen aus der Zelluloid- und Waffenbranche mit glitzernder Ägypten-Show und Kalaschnikows für Verlierer und (Caesarion-)Mörder.
Das, was Monumentalfilm und ebensolchen Tanz aber erst zum wahren Kitsch- und Kunsterlebnis macht, nämlich Musik und Ausstattung, trägt auch hier den Abend entscheidend mit: Unter Marius Burkert schwelgt das Orchester des Hauses in bombastischen Schostakowitsch-Arrangements (ebenfalls von Toulon), Alexandra Burgstaller schneiderte dementsprechend. Und Anne Marie Legenstein bewies einmal mehr ihr Genie mit monumentalen, verschiebbaren, hochästhetischen Bühnenbauten, in die sie dicke Kitsch-Bomben platzen lässt. Ein Tanzspektakel für Filmfreaks, das am Premierenabend langen Jubel erntete.

Andrea Hein

Online am: 28.04.2008, © www.tanz.at