Die Grafik des Körpermaterials

Saskia Hölbling und ihre Compagnie Dans.Kias gewähren intime Blicke auf den Körper an sich. Ohne Geschichte wird er , starr oder bewegt, zum abstrakten Zeichen im Raum.

secret sight , Tanzquartier, 10.04.2008.

Zwei nackte Frauenkörper liegen regungslos auf der weißen Bühne. Aus der Perspektive der Tribünensitze sehen sie seltsam verzerrt aus, verlieren Individualität, Geschlecht und Menschlichkeit, werden zu Zeichen auf dem Boden. Einem unhörbaren befehl gehorchend, hebt sich ein Arm, ein Kopf, ein Bein verschlingt sich mit dem anderen. Aus Erfahrung weiß ich, dass es Beine, Arme, Hals und Kopf sind, die sich bewegen, doch zu sehen sind Striche, Punkte, Linien in der weißen Landschaft. Die beiden Körper erheben sich, treten an den Rand; als selbstvergessen Marionetten kleiden sich die beiden Frauen ganz in Schwarz. Der männliche Körper, ebenfalls in Schwarz gehüllt, tritt hinzu: Saskia Hölblings neue Choreografie „secret sight“ erwacht zum Leben.
In Solos, Trios und Duos bewegen sich die Körper zum Geräuschteppich von Heinz Ditsch in genau ausgeklügelter Geometrie, Schwarz auf dem weißen Untergrund. Einprägsame Farbeffekte entstehen im wechselnden Licht, wenn Stephen Thompson das Oberteil und Moravia Naranjo die lange schwarzen Hose ablegt. Im innigen Duett wird für einen Moment das Zeichenhafte der Körper durch menschliche Individualität ersetzt. Eine Augenblicksbeziehung entsteht auf der Bühne, eine Kurzgeschichte im Kopf der Zuschauerin. Währenddessen setzt die dritte Performerin, Choreografin Saskia Hölbling neue Akzente, die schwarzen Shirts im weißen Geviert. Raum, Bewegung, Geräusch, Licht, Farben (schwarz und weiß und die unterschiedlichen Tönungen der Haut) bilden ein Spannungsfeld, dem sich die Betrachterinnen nicht entziehen können. Weit voneinander entfernt hockend, ziehen sich die Körper immer wieder in sich selbst zurück, werden zu bewegungslosen Punkten in der Landschaft, abgekoppelt vom Publikum. Auf Entspannung folgt Spannung, auf Langsamkeit ruckartige Beschleunigung. Hölblings Hang zum Exhibitionismus zwingt die Körper, sich immer wieder nackt zu zeigen: oben ohne, unten ohne, ganz ohne. Die formale Strenge der Choreografie und die distanzierte Kälte der Performance lassen auch diese kurzen Szenen abstrakt zeichenhaft erscheinen.
Mit „secret sight“ will sich Saskia Hölbling (und ihre TänzerInnen) mit der „Erkundung sich berührender und überlagernder Leerräume von Körpern und Sound einer verborgenen Sichtweise annähern, bei der die Betrachtung Gehör findet.“ So schön, so schwer verständlich steht es im Programmblatt. Zu sehen ist eine spannende, bewegte Darstellung dreier Körper, die sich in scheinbarer Logik mathematischer Formeln auf einander zu, voneinander weg und in sich selbst bewegen. Es tanzen (!) Saskia Hölbling, Moravia Naranjo und Stephen Thompson.

www.dans.kias.at

Ditta Rudle

Online am: 14.04.2008, © www.tanz.at