Ein Fest, nicht nur für Nurejew

Bejubelter Galaabend mit vielen Überraschungen

Der Schwanensee, Wiener Staatsoper, 23.03.2008.

Am 17. März hätte Rudolf Nurejew seinen 70. Geburtstag gefeiert. Ein feiner Anlass für das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper, ihm eine Galavorstellung zu widmen. Gewagt eigentlich: Schwanensee mit vier Prinzen und drei Schwanenprinzessinnen und Publikumslieblingen von einst in Nebenrollen.
Die Skepsis erwies sich als unangebracht. Das Experiment ist gelungen. Anders als bei der nicht wirklich beglückenden Gala vor 12 Tage zuvor, hielt die herrliche Musik Peter Tschaikowskys die Vorstellung wunderbar zusammen und sämtliche Mitwirkende, das Corps ebenso wie die SolistInnen zeigten sich in Bestform. Zu bemängeln gibt es an diesem von den jungen Ballettschülerinnen im Stehparterre im höchsten Diskant bejubelten festlichen Abend kaum etwas, deshalb sollen vor allem die Überraschungen in Leuchtfarbe hervorgehoben werden.
Die erste: Das Orchester unter Kevin Rhodes ließ sich in einer für das Ballettpublikum selten erfahrbaren professionellen Verfassung hören. Kein Gurgeln und Röcheln bei den Bläsern, gefühlvolle Kantilenen bei den Streichern und ein Dirigent, der sich auf die Stars und das Ensemble mit energischer Musikalität und Feingefühl einließ.
Und dann, Shoko Nakamura, leider nicht mehr „unsere“ Shoko, als Odette im 2. Akt. Vladimir Malakhov, der Siegfried, hat sie aus Berlin mitgebracht, zur Freude sämtlicher Ballettfans. Nakamura tanzte eine eher schüchterne Schwanenkönigin, die sich dem allzu schnell Treue schwörenden Prinzen (Malakhovs gefühlvolles Werben zu loben, ist überflüssig: Er ist der Star der Stars, auch wenn er nur einen Akt tanzt) nicht gleich an den Hals wirft. Langsam entwickelt sie ihre Bewegungen, beugt den Rücken zum klaren Bogen und kann ihr Größe positiv einsetzen. Mit sichtlichem Genuss zelebriert sie in Variationen und Pas de deux ihren Part, ein Genuss, der das Publikum aufs Atmen vergessen lässt.
Eine hübsche Idee auch, Jolantha Seyfried und Karl Musil noch einmal auf die Bühne zu bitten. Als der Prinzen Mutter und Zauberer Rotbart (im 3. Akt) erhielten sie den verdienten Sonderapplaus. Makellos die Odile der Olga Esina. Wäre es allerdings keine Galavorstellung, würde ich mich wundern, wie ihr Prinz Gregor Hatala verfallen kann. Die erotische Ausstrahlung schlummert gut verborgen unter dem Eis der technischen Perfektion. Doch in diesem Fall ging es um Tanz und Musik und nicht um die Logik einer Geschichte. Deshalb kein Nörgelei.
Überraschend auch der Siegfried im letzten Akt, weil in Wien noch nie als solcher gesehen. Roman Lazik (seit Herbst als Solotänzer in Wien, davor am Bayerischen Staatsballett) präsentierte sich als echter Prinz, kraftvoll und bestens mit Aliya Tanikpaeva harmonierend. Lazik ist kein eleganter Tänzer wie etwa Shishov (1. Akt) , doch er hat Bühnenpräsenz und stirbt schön qualvoll.
Schon der Walzer im 1. Akt und später auch die fächelnden Edelfräulein im 3. machten klar, dass an diesem Abend der verstorbene Weltstar Rudolf Nurejew von allen Mitwirkenden mit freudigem Eifer gefeiert wurde. Sämtliche Tänzerinnen und Tänzer waren in vollem Einsatz. Kathrin Czerny stand in jedem Akt auf der Bühne (Gefährtin des Prinzen, ungarische Tänzerin, kleiner Schwan) und auch Solistin Maria Yakovleva schwebte als kleiner Schwan (mit Alena Vaskova und Natalie Kusch , die im Pas de Quatre zum ersten Mal tanzte ) in waagrechter Reihe, was zur überraschenden Erkenntnis führte, dass vier Schwäne doch kein Elefantenquartett sind. Mihail Sosnovschi zeigte sein schauspielerisches (und tänzerisches) Talent im neapolitanischen Tanz mit der in dieser (kleinen) Rolle debütierenden Marija Kicevska.
Was schon recht lang nicht der Fall war: von diesem Galaabend - einer richtigen Galavorstellung, die wie es sich gehört, unwiederholbar ist - ist nur in hohen Tönen zu berichten. Das mag auch den designierte Operndirektor, Dominique Mayer, freuen, hat er doch im ORF-Interview versprochen, er werde „die Oper auch dem Tanz verschreiben, vom Ballett bis zum modernen Tanz“.

Ditta Rudle

Online am: 31.03.2008, © www.tanz.at