Klang wird Bewegung |
Ein mitreißender Abend vereint Musik und Tanz zu einem Gesamtkunstwerk |
Die Schöpfung, Festspielhaus St. Pölten, 29.03.2008. |
Kongenial ist der Begriff, der mir zur Choreografie von Uwe Scholz zu Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung einfällt. Mit musikalischer Einfühlsamkeit hat Scholz das geniale Werk Haydns sichtbar gemacht. Tanz und Musik stehen gleichwertig miteinander, niemals wird eine Bewegung um ihrer selbst willen ausgeführt, TänzerInnen, SängerInnen und Orchester (in einer Aufnahme unter Herbert von Karajan) fügen sich zu einem harmonischen Ganzen, das nicht nur seiner Schönheit wegen sondern auch wegen der Erzählung von der Schaffung der Welt, der Natur und der Menschen tief berührt. Wie zeitlos Scholz' 1985 für das Zürcher Ballett geschaffene Choreografie ist, lässt sich allein an der Harmonie messen in der der junge Choreograf mit dem um mehr als 200 Jahre älteren Komponisten Hand in Hand geht. Mit dem Leipziger Ballett, das Scholz, wie einst sein Lehrer John Cranko das Stuttgarter, zu internationalem Ansehen geführt hat, hat er Die Schöpfung 1991 ebenfalls einstudiert. In der kurzen Lebenszeit, die dem sensiblen und bald schwerkranken Künstler gegönnt war- er starb 2004, mit 46 Jahren - hat Scholz mehr als 100 Ballette, hauptsächlich in neoklassischem Stil geschaffen. Die Schöpfung zählt sicher zu den Höhepunkten seines uvre. Im Dunkel hebt das Vorspiel an, nur schemenhaft sind die Gestalten im Hintergrund zu erkennen. Erst wenn sich die Beleuchtungsbrücke in den Himmel gehoben hat, wird es heller, das Ensemble bekommt Konturen. Scholz will keine Geschichte erzählen, nicht Fische, Vögel und Tiere des Waldes zeigen, sondern einzig die Musik in Bewegung umsetzen. Doch Haydn hat (auch) Text vertont und so ist das Bühnengeschehen nicht nur purer Tanz sondern auch gefühlvolle Erzählung. Im ersten Teil, während des Schöpfungsprozesses quasi, ist die Bühne in diffuses Licht (Beatrix Steidl) getaucht, die Figuren (noch sind keine Menschen auf der Welt) scheinen von innen her beleuchtet. Erst nach der Pause (unmittelbar vor dem Rezitativ Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor lebende Geschöpfe) erstrahlt die Bühne im weißen Licht. Das Werk ist vollendet. Zwei innige Pas de deux, in welchen die großartige Solistin Maiko Oishi nicht nur tänzerisches Spitzenkönnen sondern auch seelenvolle Ausdruck zeigt (und Scholz auch seinen feinen Sinn für Humor) verbreiten romantische Stimmung bis sich das Ensemble zum großen Schlusschor zusammenfindet. Die grauen Trikots sind abgelegt, aus den Lehmfiguren sind Individuen geworden, in strahlendes Weiß gekleidet. Wie zu Beginn fassen sie einander an den Händen - eine schöne Utopie. Die Stärke dieses neoklassischen Balletts (mit Betonung des klassischen Tanzes, schließlich stehen die Tänzerinnen nahezu dauernd auf Spitze) liegt in den Ensembleszenen. Scholz lässt vor allem im ersten Teil vor allem Arme, Hände (gespreizte Finger) und Beine sprechen und setzt auf die Wirkung der großen Zahl. Mitunter stehen mehr als 30 TänzerInnen auf der Bühne. Wie intuitiv er gearbeitet hat, zeigt er vor allem in den Fugen, wenn die Mitglieder des Corps de ballet, die gesamte Bühne ausfüllend, die Struktur der Musik in Bewegung umsetzen. Dass es in mancher Passage zu kleinen Fehlern und Ausrutschern kommt, ist leicht zu verzeihen, sind doch die Anforderungen an das Corps überaus hoch und bei Licht besehen, muss das Leipziger Ballett für die Leistung auf der ihm fremden Bühne herzlich bedankt werden. Neben Maiko Oishi wirkten Tatjana Paunovic, Sebastian Angermaier, Martin Chaix, Jean-Sébastien Colau und Giovanni Di Palma als SolistInnen ohne Fehl und Tadel mit. In holder Anmut (Textstelle des Terzetts Gabriel / Uriel / Raphael) sind mir besonders Chaix und Di Palma im Pas de trois mit Maiko Oishi in Erinnerung. Nach diesem Abend wird man Haydns Schöpfung beim Hören auch sehen - zumindest in der Erinnerung. |
Ditta Rudle |
Online am: 31.03.2008, © www.tanz.at |