Ernsthaft und sehr brav

Ballerinen und Danseurs zeigen in klassischer und zeitgenössischer Bewegung ihr Können.

Ballettgala, Wiener Staatsoper, 11.03.2008.

Die Gäste aus St. Petersburg, Olesia Novikova (zum ersten Mal in Wien) und Leonid Sarafanov, waren die Stars der Gala an der Staatsoper, der letzten Premiere der heurigen Ballettsaison. Wie es sich für eine Gala gehört, konnten im dramaturgisch klug aufgebauten Programm sämtliche Mitglieder des Wiener Staatsopern- und Volksopernballetts (Corps wie SolistInnen) ihr Können zeigen. Den Rahmen bildeten zwei Gala-Schlager, der „Schattenakt“ aus der „Bajadere“ und als Krönung der Grand Pas aus „Paquita“, eine Einlage in dem kaum noch komplett aufgeführten Ballett, die nur dazu dient, den Standard eines Ensembles zu zeigen. Marius Petipa (Choreografie) und Ludwig Minkus (Musik) sind die Schöpfer beider Werke, die vor gut 130 Jahren entstanden sind. Und, das gilt vor allem für das „Königreich der Schatten“, immer noch leben.
Doch gerade dieser „Schattenakt“, in dem die Ballerinen aus dem Jenseits eine nach der anderen im weißen Tutu die Rampe hinunter steigen, verfehlt seine wunderbare Wirkung, ist er aus dem Zusammenhang von Liebe, Betrug und Mord gerissen. Im unterkühlten blauen Licht sind die gut trainierten Tänzerinnen leblose Puppen und auch die Solistinnen Maria Yakovleva, Aliya Tanikpeva (in Vladimir Malakhovs Fassung der „Bajadere“ brillierte die eine im vergangenen Dezember als Nikia, die andere als Hamsatti) und Nina Poláková machten lediglich gute Figur. So konnten auch die beiden Gaststars die Szenerie nicht wirklich beleben. Sarafanov, in Wien bereits als Solor bejubelt, war nicht ganz so sicher wie gewohnt und blieb von der schwebenden Leichtigkeit der technisch perfekten Olesia Novikova scheinbar unberührt.
Doch Stars bleiben Stars und ein weißer Akt kann immer begeistern. So bescherte das Publikum gleich im ersten Teil der Gala Jubel und Freudengeschrei.
Zeitgenössisches zwischen bewährte Hits einzuschieben, hat sich im Konzertsaal bewährt und könnte auch bei einer Ballettgala als mutige Tat gewertet werden, wäre an den beiden Petitessen von Jorma Elo und András Lukács irgendetwas Bemerkenswertes, Neues oder gar Aufregendes. Der finnische Choreograf Jorma Elo, zurzeit Resident Choreographer des Boston Ballet, hat sich ganz auf sein amerikanisches Publikum eingestellt, serviert einen Versuch seinen Lehrer Ji_í Kylián zu kopieren, leichte Kost zu Mozart (schelmisch) und Philip Glass (eckig, konträr zur fließenden Musik). Eine nette Gelegenheit für ein Dutzend TänzerInnen zu zeigen, dass ihnen auch Neoklassik vertraut ist. Elos „Glow - Stop“ ist 2006 vom American Ballet Theatre uraufgeführt worden; András Lukács' neues Stück „In Your Eyes My Face Remains“ ist auch nicht für die Wiener Gala entstanden, sondern bereits im vergangenen September in Budapest gezeigt worden. Sei's drum. Auch Lukács gefällt Philip Glass, er verwendet den 2. Satz des „Concerto for Violin and Orchestra“ für seine Pièce für vier Herren (Roman Lazik, András Lukács, Eno Peci, Mihail Sosnovschi) und eine Dame. Geprobt hatte das Quartett Karina Sarkissova, die wegen einer Verletzung nicht auftreten konnten. Ildikó Bacskai, die den Part bereits in Budapest bei der 15. internationalen Ballettgala getanzt hat, ist perfekt eingesprungen.
Diese zwei Füllsel waren ohnehin schnell vergessen, weil sich zum krönenden Abschluss der Grand Pas in bunter Pracht entfaltete. Anders als bei der Gala der vergangenen Saison in der Volksoper, begeisterte das Ensemble mit bester Form und auch die Stars der Compagnie zeigten makelloses Können. Novikova und Sarafanov brillierten noch einmal in zahlreichen Variationen. Besonders ansprechend, der eingelegte Pas de trois aus dem 1. Akt von „Paquita“ (vom Choreografen Petipa „mein goldener Pas de trois“ genannt), getanzt von Denys Cherevychko, Kathrin Czerny und Hanna Shepelyeva. Cherevychko und seine Partnerinnen zeigten bei perfekter Technik einen Hauch von Ironie und Distanz zu dem, trotz aller bravourösen Brillanz schon leicht angegrauten, Schlager jeder Gala und ließen ahnen, dass ein neuer Blickpunkt bei der Einstudierung neue Dimensionen bringen könnte. Die Aufführungstradition dieses Bravourstückes, die Rezeption und der Bezug zum 21. Jahrhundert könnten einfließen, ohne dass dem klassischen Ballett ein Leid getan würde. Der Hauch von Ironie den Cherevychko einbrachte, würde den gesamten Grand Pas über eine perfekte Buchstabierübung hinausheben. Doch vielleicht will das Publikum einfach nur sehen, was es immer schon gesehen hat, was nicht anstrengt, auch wenn es das Etikett „modern“ träg. Auch für das Ballett der Staatsoper und Volksoper gilt wohl das Diktat der Quote und leicht Konsumierbares füllt die Reihen. Der heftige Applaus aber sei den Tanzenden gegönnt - sie haben ihn alle verdient.

Ditta Rudle

Online am: 17.03.2008, © www.tanz.at