Starke Gefühle und raffinierte Ästhetik

Mit einem außergewöhnlichen Programm setzt die neue Braunschweiger Tanzchefin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny die 1. Braunschweiger Tanztage unter dem Motto „Tanzwelten“ in Bewegung.

Carmen, The Cold Dagger, Staatstheater Braunschweig, 08. und 09.03.2008.

Es ist schon ein gar nicht so kleiner Trip um den Tanzglobus, den die erste Ausgabe der Braunschweiger Tanztage ihrem Publikum bietet. Ein schöner Kontrast zu den eurozentrierten Festivals, die man allerorts trifft. Gerade die kulturelle Vielfalt aus Indien, China, Ägypten, Togo und Europa verleiht diesem Festival seine ganz eigene Identität. Dass das Konzept aufgeht, beweist der große Zuschauerzuspruch - die ersten beiden Vorstellungen waren ausverkauft und wurden frenetisch gefeiert.
Auch bei ihren europäischen Gästen hat Eva-Maria Lerchenberg-Thöny auf „Exotisches“ gesetzt. Da gibt es eine Vorstellung des österreichischen Projekts von Andrea Amort „Hanna Berger: Retouchings“ und des dänischen Danskdanseteater sowie zwei Produktionen des Tanztheaters am Braunschweiger Staatstheater, das das Festival mit der Premiere von „Carmen“ eröffnete.

Highly emotional
Im Umfeld des derzeit modischen, konzeptorientierten Non-Dance mutet die Choreografie von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny ebenfalls fremdartig an, denn sie setzt alles auf die Karte der Emotion. Bemerkenswert schon der Ansatzpunkt: Die Geschichte der Carmen wird aus der Sicht der Protagonistin erzählt, sie findet eine psychologische Erklärung und eine schicksalhafte Genese, verkörpert durch zwei TänzerInnen, die die unterschiedlichen, sich widerstreitenden Seiten der Carmen repräsentieren: die liebende Frau und die kalte Bestie, die ihre Macht über die Männer bis zum Äußersten ausreizt und ausübt. Während die Rollen der beiden immer wieder ineinander verschmelzen, sich überlappen, vertauschen und in ihrer Dominanz abwechseln, ist die Entwicklung vom Kindesmissbrauch bis zur männermordenden Bestie linear logisch dargestellt. Es gibt auch eine Carmen als Kind, erst verspielt mit ihrer Puppe (die Ähnlichkeiten mit einer der beiden Carmens hat und damit erneut auf eine gespaltene Persönlichkeit verweist), dann verängstigt aufgrund einer Bedrohung, schließlich von einem Mann verführt. In dieser Deutlichkeit hätte es gar nicht gezeigt werden müssen.
Wie auch an anderer Stelle weniger mehr gewesen wäre. So bäumen sich die Emotionen immer wieder in der speziellen Lerchenberg-Thöny'schen Tanzsprache bis zum Äußersten auf - langgestreckte Beine, geflexte Füße, immer Off-Balance bis zum unweigerlichen Fallen - das ist dramatisch genug. Da bräuchten die Carmens gar nicht mehr mit den Fäusten auf den Boden zu trommeln oder zu schreien.
Insgesamt gelingt es Lerchenberg-Thöny aber ihre Carmen-Interpretation über die Ohnmacht einer gequälten Frau eindringlich zu erzählen mit einem engagierten und überzeugendem Ensemble, allen voran die beiden Carmen Daniela Indrizzi und Jana Ritzen. Der dramaturgische Bogen wird auch durch die musikalische Gegenüberstellung von Rodion Shchedrins „Carmen Suite“ und einer Komposition für Schlagwerk von Georg Zeitblom gespannt (live gespielt vom Staatsorchester Braunschweig unter Joseph Trafton).
Die große Geste und die großen Gefühlen verleihen diesem Tanzstück opernhafte Dramatik, der eine (zu) einfache Ausstattung (Sascha Gross) gegenübersteht: verschiedene Rottöne bei den Kleidern der Frauen, schwarze Anzüge bei den Männern - ein Bett und ein Waschbecken in der Carmens Gefängniszelle, in der ihr Leben wie in einem Flashback abläuft.

Highly sophisticated
Das Gegenprogramm am 2. Tag der „Tanzwelten“ kommt aus China mit der Beijing LDTX Modern Dance Company. Ihre atemberaubende Tanzsprache integriert Elemente aus dem klassischen, chinesischen Tanz, aus dem westlichem zeitgenössischen Tanz, aus der Folklore und aus der Kampfkunst. Die Raffinesse des Bühnenbildes, der Kostüme und des Lichtdesings machen diese Arbeit zu einem ästhetischen Meisterwerk.
„The Cold Dagger“ (Der kalte Dolch) ist ein Tanzthriller. Ausgangspunkt ist die Anordnung eines Go-Spieles (das bekannte japanische Brettspiel geht auf das chinesische Weigi zurück). Go ist wie das westliche Schach ein strategisches Spiel, bei dem die gegnerischen Parteien versuchen, das Spielfeld jeweils in ihren Besitz zu bringen, bzw. ihr Land vor dem Eindringen des Gegners zu schützen.
Die TänzerInnen in schwarz und weiß gekleidet setzen auf diesem Feld ihre Aktionen zu einer Originalkomposition des Amerikaners David Darling „Dark Wood and Cello“: aggressiv oder in meditativer Gelassenheit, raumgreifend oder im taktischen Rückzug entstehen Szenen der Angst und Bedrängnis, aber auch der Entspannung und Genießens. Szenen aus der älteren und jüngeren Geschichte Chinas scheinen im Auge des Betrachters zu entstehen, schnelle Schnitte verändern die jeweilige Stimmung, kehren sie in ihr Gegenteil um.
Nach Lin Hwei Mins Cloud Gate Theater zeigt nun das Beijing LDTX Modern Dance Company unter der Leitung von Willy Tsao eine weitere, spannende Variante zeitgenössischer Tanzkunst made in China. Willy Tsao aus Hongkong erhielt seine Tanzausbildung in den USA, bevor er als Berater, Gründer und künstlerischer Leiter für die Compagnien in Hongkong, Guangdong und Beijing die Geschichte des zeitgenössischen Tanzes in China entscheidend zu prägen begann. Seine 2005 gegründete Beijing LDTX Modern Dance Company bietet den vierzehn TänzerInnen aus allen Teilen Chinas nicht nur ein Tänzer-Engagement, sondern auch die Möglichkeit, sich als ChoreografInnen zu präsentieren. Auch „The Cold Dagger“ ist eine Choreografie der Tänzerin Ma Bo und des stellvertretenden künstlerischen Leiters Li Han-Zhong.

Das Festival Tanzwelten läuft noch bis 15. März.
www.staatstheater-braunschweig.de

Edith Wolf Perez

Online am: 11.03.2008, © www.tanz.at