Von magischen Verwandlungen bis zum Polittheater |
Beim Szene Bunte Wähne Tanzfestivals darf es stilistisch abwechslungsreich sein, Hauptsache die Qualität stimmt. |
Schmetterlinge, Kuckuckkind, Brunftschleier, Dschungel und brut,
25. und 27. 02.2008. |
Dieses Festival macht Spaß! Wo sonst bekommt man so dicht gepackt Produktionen in dieser Vielfalt zu sehen? Von jugendlichen (Selbst-)Porträts (Martha Marthe Mathilde Matthieu) zu Szenen abstrakter Hoffnungslosigkeit (Patchagonia), von poetischen Bildertheater (Schmetterlinge) bis hin zu erzählendem Tanztheater (Kuckuckkind und Brunftschleier), ist beim Szene Bunte Wähne Festival alles drin. Bei aller Unterschiedlichkeit ist aber allen Produktionen eines gemeinsam: sie sprechen eine direkte Sprache, die das Publikum ab 3 in den Bann zieht, arbeiten präzise und sind (meist) dramaturgisch sehr schlüssig. Auf der anderen Seite sitzt ein Publikum, das sich davon begeistern lässt, das mitspielt und mitgeht, solange es ihnen eben passt. Langeweile kommt da nicht auf ...
TPO
So stellt die italienische Gruppe TPO (Teatro di Piazza o d'Occasione) mit ihren visuellen, interaktiven Stücken eine brillante Verschmelzung von High-Tech und Poesie vor. In Schmetterlinge führen sie die Metamorphose vom Ei bis zum Schmetterling vor, in der die Tänzerin und der Tänzer mit ihren Bewegungen Sensoren in Gang setzten und jeweils eine bunte Bilderflut auslösen. Wenn sie die jungendlich ZuschauerInnen zum Mitmachen einladen, leiten sie sie sanft und behutsam an: da breitet sich die Farbe kreisförmig auf, wenn die Kinder auf den Teppich treten, oder sie müssen aufpassen, nicht auf die sich wuselnden Raupen zu treten, oder es erscheinen Blumen, wenn sie ihre Arme wie Flügel bewegen. Reine Magie, die die Kleinen Drei- bis Siebenjährigen, wenn auch nicht ganz bis zum Schluss, so doch immerhin 40 Minuten lang in Atem hält.
Kopergietery
Die Arbeiten von Kopergietery aus Belgien sind seit Beginn des Szene Bunte Wähne Festivals zentrale Säulen des Programms. Zu Recht, machen sie doch sowohl mit Jugendlichen als auch mit Profis aufregendes, oft aufwühlendes Tanztheater, das mühelos an der Gefühlswelt der ZuschauerInnen (und AkteurInnen) andockt. Ives Thuwis hat mit Kuckuckkind ein Stück über das Überwinden der Angst für Menschen ab 6 Jahren kreiert. Wie immer bei Kopergietery wird die Geschichte über Tanz transportiert und kommt ohne Sprache und ausgeprägte Pantomime aus. Kuckukkind ist ein Märchen à la Grimm mit Fabelwesen, Riesen, Zwergen und bösen Hexen, und doch ganz zeitgemäß. Die Angst des Jungen, der glaubt, von seinen Eltern verlassen worden zu sein, ist real, er kann sie nur überwinden, indem er sich ihr stellt und sie besiegt. Ein fabelhaft lebendiges und unterhaltsames Lehrstück, bei dem die Kinder animiert den Helden vor den drohenden Gefahren warnen.
Tanztheater Aya
Ein brisantes gesellschaftspolitisches Thema greift das Dantheater Aya aus den Niederlanden mit Brunftschleier auf - das Kopftuch. Eine junge Muslimin ist hin- und hergerissen zwischen Familienbanden und ersten Liebestrieben. Der gewalttätige Vater verstößt sie, die Freundin rät der Verzweifelten: Geh ... Eine Gruppe Jugendlicher nimmt sie mit einem Bad in Empfang. Bemerkenswert, dass hier nicht (falsche) Toleranz gepredigt, sondern Stellung bezogen wird - in den Niederlanden werden kulturelle Konflikte ja schon länger offensiver angegangen als anderswo in Europa. Sexuelle Konflikte in der Pubertät, das ist keine muslimische Eigenheit, denn auch Jesus schaut zu. Gegen Gewalt und Unterdrückung wird in diesem Stück jedoch eindeutig Position bezogen.
In der Umsetzung der Regisseurin und Choreografin Wies Bloemen stehen Tanz und Sprache auf einer Ebene - die Action-Szenen sind choreografisch zu Oriental Rock oder elektronische Soundtracks aufgelöst, die Bewegungssprache ein großartiger Mix aus Modern, HipHop und Bauchtanz, das Ensemble überzeugt tänzerisch und schauspielerisch - authentisch.
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Edith Wolf Perez |
Online am: 03.03.2008, © www.tanz.at |