Die Seele des Flamenco |
María Pagés und ihre Compañía ließen die Bühne beben |
Flamenco Republic, Festspielhaus St. Pölten, 23.02.2008. |
Die Arme schlangengleich über den Kopf gewunden, die Füße stampfen im Stakkato den Boden, die Finger schnippen, die Füße scheinen den Boden nur noch zu streicheln. Und dann, eine rasche Drehung, die Arme schwingen wieder nach oben, der Pfau schlägt sein Rad. María Pagés, Herrscherin in der von ihr selbst geschaffenen Flamenco Republic, zeigt einen Abend lang, was Flamenco für sie ist. Flamenco à la Pagés, das ist nicht nur Rhythmus und Präzision, Eleganz und Intensität sondern auch Atmosphäre und Effekt. Da darf es neben den beiden Gitarristen auch einen Perscussionisten geben, die alle plus einem Sänger und einer Sängerin meist in geheimnisvollem Dunkel sitzen. Die Kastagnetten klappern, auch wenn sie nicht genuin dem Flamenco entstammen, eher der spanischen Folklore angehören. Die Pagés tanzt wunderbaren Flamenco und sie schert sich nicht um verkrustete Regeln. Deshalb ist auch diese Flamenco Republic, in der sie ihrem Publikum die Wurzeln des Flamenco zeigt, kein akademischer Vortrag, sondern eine großartige, das Blut kochen machende, Show. Nur eine einzige, sehr oft zur Funzel reduzierte Lichtquelle hängt vom Bühnenhimmel, in ihrem Schein dreht sich die Herrscherin des Flamencoreiches. Das eindrucks- und wirkungsvolle Lichtdesign stammt von Olga García.
Auf ihrer fulminanten Reise durch die unterschiedlichen Tänze des Flamenco zeigt María Pagés mit einem Duett, dass Flamenco nicht nur Klage und Freude sondern auch Ironie und Humor vermitteln kann. Dass im Streit zwischen den Stöcken ihres Partners und ihren Kastagnetten, natürlich die Kastagnetten siegen und der Tänzer wie ein geprügelter Hund im Hintergrund verschwindet, ist logisch: Die hoch dekorierte Bailaora ist die Gebieterin. Ihr widerspricht man nicht. Ihre Soli sind wahrer Tanz, nicht von schwebender Leichtigkeit, sondern erdverbunden, bodenverhaftet, spannend, aufregend. Dass sie bei aller Offenheit für das Neue an ihren Wurzeln hängt, zeigt sie deutlich in der Siguiriya, die sie mit der krächzenden Stimme einer Schellackplatte beginnen lässt. Erst nach und nach setzen die Gitarren und der Cante ein - das Neue entsteht aus dem Alten. Ob die Pagés anmutig den Mantón (das große Tuch) schwingt, mit einem verführerischen Lächeln den abaníco, den bunten Fächer, öffnet oder keck mit den Kastagnetten klappert, immer ist sie eine temperamentvolle und aufrichtige Botschafterin des Tanzes, eine Königin des Flamenco. Wenn die Gruppe, vier Männer, vier Frauen, gemeinsam oder getrennt, auftritt, dann springt der Flamencofunke von den vibrierenden Brettern ins Publikum. Es wird Teil des Imperiums, erlebt nicht nur eindrucksvollen Tanz, sondern auch alle Gefühle, die er in den unterschiedlichen Formen vermittelt: Kampfgeist, Selbstachtung und Stolz; Anziehung und Zurückweisung, Verlockung und Verweigerung und über allem die Flügel des Eros.
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Ditta Rudle |
Online am: 25.02.2008, © www.tanz.at |