Dreifaltige Ouvertüre |
Vier kleine Solis von Kindern und Jugendlichen konnten mit den Performancekünsten der Großen durchaus mithalten. |
Szene Bunte Wähne Tanzfestival. Eröffnungstag, brut, Dschungel, Tanzquartier, 21.02.2008. |
Mit der Eröffnungsvorstellung für das Festival Szene bunte Wähne wird der Grundgedanke - Tanz und Performance für junge Menschen zu zeigen - unterhaltsam und genau umrissen: Bewegung, die erzählt, berührt, unterhält und ein junges Publikum zur Identifikation anregt. In Martha Marthe Mathilde Matthieu zeigen vier junge Menschen im Alter zwischen neun und 18 Jahren, wer sie sind, woher sie kommen, was sie denken und fühlen, wovon sie träumen, kurz Stationen und Augenblicke auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Seit ihrer Kindheit besuchen die vier DarstellerInnen (Martha Balthazar, Marthe De Saedeleir, Mathilde Strijdonk und Matthieu Sys) die Workshops in der ehemaligen Kupfergießerei Kopergietery in Gent. Ihre Begabung brachte professionelle ChoreografInnen auf die Idee, mit den jungen TänzerInnen Selbstporträts zu erarbeiten. Entstanden ist ein vierteiliges Bild - den Titel geben die Vornamen der Mitwirkenden -, das im Einzelnen die Individualität der Tanzenden zeigt, im Ganzen aber vom Kindsein und Jugend und vom Erwachsenwerden erzählt. So jung die Tänzerinnen und der Tänzer sind, so präzise gearbeitet und spontan dargestellt ist ihre Performance. Begeistern konnte nicht nur Matthieu, der älteste und auch künstlerisch reifste des Quartetts, mit seiner musikalisch akzentuierten Reise durch das Teeangeralter, sondern auch die beiden sehr jungen Mädchen, Martha und Marthe, die einerseits durch Unmittelbarkeit und Bewegungsfreude anderseits durch Disziplin, Körperkontrolle und perfekte Ausnutzung des Bühnenraums auffielen. Die vier ChoreografInnen, die mit den TänzerInnen gearbeitet haben, sind erfahrene MitarbeiterInnen der Kopergietery: Joke Laureeyns und Kwint Manshoven (die tragenden Säulen der Studios, in Wien waren bereits mehrere Tanzstücke der beiden mit Kindern und Jugendlichen zu sehen), Janni Van Goor und Ives Thuwis (dessen beeindruckende Jugendarbeit mit den Choreografien Brief und Ich wollte noch etwas sagen ebenfalls in Wien zu sehen waren). Ein Auftakt, der beeindruckend gezeigt hat, was künstlerische Jugendarbeit erreichen kann. Nicht nur die zuschauenden Teens waren begeistert. Als Vorspiel zeigte die Hamburger Gruppe Showcase Beat Le mot im brut eine theatralische Adaption des berühmten Kinderbuchs von Otfried Preußler Der Räuber Hotzenplotz. Die klassische Kasperlgeschichte mit Großmutter und Seppl, dem nicht sehr bösen Räuber und einem ungeschickten Zauberer hat schon Preußler selbst als Bühnenstück adaptiert. Das Team von Shocase Beat le mot setzt auf Zauberei und Ironie, Illusion und Desillusion, Gesang und Komik und auf die Komplizenschaft der Kinder. Ein Riesenspaß der durch die verteilten Hotdogs in der Pause noch erhöht wird. War der Hotzenplotz die Ouvertüre für die Sechsjährigen, so beteiligte sich das Tanzquartier am späten Abend mit einem Gastspiel von Les Ballets C. de la B. am Festival. Die argentinische Choreografin Lisi Estàras, seit zehn Jahren bei Les Ballets C. de la B., zeigte ihr erstes abendfüllendes Stück: Patchagonia - eine Reverenz an die nahezu mythische Region Patagonien (Argentinien). Mit der realen Landschaft hat Estàras' Stück allerdings wenig zu tun, sie war selbst noch gar nie dort. Patchagonia ist ein imaginärer Ort, fernab jeder Zivilisation, eine Wüstenei in der die dort gestrandeten Menschen nur noch vegetieren, Tieren gleich. Nicht von ungefähr ergeben die beiden letzten Silben des Titels den Begriff Agonie. Estàras arbeitet mit der Sängerin/Tänzerin Tatiana Saphir und drei Tänzern aus dem bewährten belgischen Ensemble (Sam Louwyck, Ross McCormack, Nicolas Vladyslav) und läßt drei exzellente Musiker (Tcha Limberger, Geige, Benjamin Clement, Gitarre, Vilmos Csikos, Kontrabass) auf der kahlen Bühne - nur ein verdorrter Baum steht auf dieser Insel der Hoffnungslosigkeit - agieren. Mit den von Limberger komponierten Balkanklängen kommt anfangs ein Funken Freude, vielleicht sogar Zuneigung zueinander, auf, doch dann zerfällt das Häuflein Menschen wieder in einzelne Teile, die nur noch durch Gewalt Kontakt mit einander bekommen. Jeder /jede hat eine eigene Geschichte; jede/jeder geht allein den vorgezeichneten Weg. Ein niederdrückendes Stück, das vor allem durch die Ausdruckskraft und Virtuosität der TänzerInnen zusammengehalten wird. Lisi Estàras zeigt einen Istzustand, in dem keine Entwicklung möglich ist. Eine stringentere Dramaturgie hätte die formidablen Leistungen der Ballets C. de la B. noch besser zur Geltung gebracht. Alles in allem jedoch, darf diese dreifache Eröffnung des Wiener Szene Bunte Wähne - Festivals 2008 als überaus gelungen gelobt werden.
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Ditta Rudle |
Online am: 25.02.2008, © www.tanz.at |