Sternstunden der Romantik |
Das Staatsballett Berlin landete mit Highlights der romantischen Ballettliteratur einen weiteren Publikumshit |
Glories of the Romantic Ballet, Deutsche Oper Berlin, 27.01.2008. |
Die Ballettpremiere des Staatsballetts Berlin in der Deutschen Oper (27.1.) ist den Sternstunden des romantischen Balletts gewidmet. In der Romantik eroberten die Ballerinen die Bühnen und das Publikum. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend erlag man gern dem Zauber des Balletts, das durch den sich entwickelnden Spitzentanz und der dadurch eindrucksvoll vorgetäuschten Schwerelosigkeit dem sehnsuchtsvollen Verlangen nach dem Überirdischen Gestalt gab. Die Italienerinnen Marie Taglioni, Fanny Cerrito und Carlotta Grisi, die Österreicherin Fanny Elßler sowie die Dänin Lucille Grahn zählten damals mit ihren weltweiten Auftritten zu den absoluten Publikumslieblingen. Sie waren die Stars ihrer Zeit, umworben von den Theaterdirektoren, da sie ausverkaufte Häuser verhießen, gefeiert von den Zuschauern und eigens organisierten Claqueuren. Der einstige Starkult ist auch in den Schriften von Theophil Gautier oder Heinrich Heine dokumentiert, die ebenfalls von der Begeisterung für das Ballett angesteckt waren. Diese Epoche wird mit der Berliner Ballettpremiere wieder heraufbeschworen. Einstudiert wurden zwei der vier Werke von Pierre Lacotte. Der Choreograf hat sich durch sein forschendes balletthistorisches Interesse um die Bewahrung dieser Tanz-Kostbarkeiten besonders verdient gemacht, indem er sich mit Bedachtsamkeit der Materie näherte und sie behutsam historisierend aus den überlieferten Unterlagen rekonstruiert. Unter seiner Ägide wurden in Berlin Le Papillon und La Vivandière erarbeitet. Der berühmte Pas de quatre wurde von Vladimir Malakhov und Ballettmeisterin Valentina Savina nach Jules Perrot einstudiert. Als Kulmination des romantischen Balletts folgt nach der Pause Paquita nach Marius Petipa mit dem Grand Pas und dem Pas de trois sowie einigen Solovariationen, die ebenfalls vom Duo Malakhov/Savina ausgewählt und einstudiert wurden. (Leider war der Pas de trois Les trois Grâces, der 2005 von Natalia Kaydanovskaya choreografiert wurde und auf der Grundlage der bekannten Lithografie mit Fanny Elßler, Marie Taglioni und vermutlich Lucille Grahn entstand, nicht im Programm. Diese Kreation wird erst bei Malakhov and Friends zu sehen sein.) Die romantischen Piecen lässt Ballettintendant Vladimir Malakhov in eine heutiges Bühnensetting (Licht und Raum: Franck Evin; Kostüme: Dorothea Katzer bzw. Pierre Lacotte) stellen, das wohltuend puristisch und vollkommen befreit von kitschigem Ballast ist und damit dem reinen exquisiten Tanz den bestmöglichen Rahmen bietet. Eine Projektionswand an der Bühnenrückseite für Lichteffekte, seitliche Türöffnungen mit wie zufällig stehen gebliebenen Scheinwerfern begrenzen die Bühne; ergänzend hängt darüber ein nach oben und unten offenes kubusartiges Gebilde, dessen Seitenteile sich schrittweise zu den einzelnen Stücken öffnen. Mühelos sieht der Tanz für das Auge des Betrachters aus, als extrem diffizil und kräfteraubend erweisen sich aber die Choreografien. Es ist immens viel flinke Fußarbeit erforderlich, viele kleine und große Sprünge und Drehungen machen diese Fassung äußerst anspruchsvoll für alle Beteiligten. Die ausgewählten Werke aus dem 19.Jahrhundert werden von Berlins führenden Ballerinen präsentiert, unterstützt von drei Ballerinos. Vier Konkurrentinnen in der Schönheit des Tanzes vereint - so brachte man für einige Aufführungen im Pas de quatre die damals vier bedeutendsten rivalisierenden romantischen Tänzerinnen in London gleichzeitig auf die Bühne. Heute sind es Beatrice Knop (Marie Taglioni), Nadja Saidakova (Fanny Cerrito), Shoko Nakamura (Lucile Grahn) und Polina Semionova (Carlotta Grisi), die in sylphidenartigen wadenlangen Tüllröcken als ätherische Verkörperungen der vollkommenen Schönheit und absoluten Reinheit des Tanzes über die Bühne schweben. Einfach wunderbar! Und dennoch gibt es eine, die diesen Abend krönt: an diesem abend gebürt Polina Semionova der Titel Göttin des Tanzes. Sie besticht im Pas de quatre, bezaubert dort mit beseeltem Tanz durch ihren Esprit ebenso wie durch ihr Temperament. Ihre wunderbare Technik kommt im Grand Pas von Paquita bestens zur Geltung - sie zirkelt ihre Pirouetten so perfekt und präzise, dass das Publikum nach dem Auftrittsapplaus zu recht (erneut) in Begeisterungsstürme ausbricht. Als duftig-hauchzartes Wesen gefällt die entzückende Iana Salenko als filigraner Papillon mit dem sprungstarken virilen Dinu Tamazlacaru. Flott im Tempo das Solopaar in La Vivandiere - Marian Walter und Ludmila Konovalova zeigen natürliche Lebenslust und frischen Charme, begleitet von vier lieblichen Mädchen (Stephanie Greenwald, Sebnem Gülseker, Johanna Hwang und Marina Kanno). Die prunkvollen Tutus unterstreichen die exzellente Tanzdarbietung - Eleganz, Grazie und Anmut kombiniert mit technischer Präzision bringen den Abend zu einem fulminantem Finale. Im Pas de trois bestechen Rainer Krenstetter, Ludmila Konovalova und Sebnem Gülseker. Der großgewachsene Dmitrij Semionov beweist sich als Partner für seine Schwester. Die Solovariationen werden von Elisa Carrillo Cabrera, Elena Pris, Corinne Verdeil und Maria Seletskaja souverän präsentiert. Das Orchester unter der Leitung von André Presser vervollkommnet das Dargebotene. |
Ira Werbowsky |
Online am: 01.02.2008, © www.tanz.at |