Tschaikowski in der Disco |
Stephan Thoss löst die Fesseln des klassischen Balletts und macht aus einem Märchen ein Liebesdrama in der Spaßgesellschaft. |
Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee, Festspielhaus St. Pölten, 20.01.2008. |
Sie sind alle da, Siegfried, der von der Liebe noch nichts versteht; Rotbart, der abgebrühte Verführer; Odette, die sich unsterblich in ihn verliebt und Odile, ein eiskalt strahlender Vamp. Doch nicht im Märchenschloss und am See der verzauberten Schwäne spielt sich das bekannte Drama ab, sondern in der Disco, der Schwanensee ist lediglich ein geistiger Raum. Der Choreograf Stephan Thoss hat dem Klassiker Schwanensee einen modernen Inhalt gegeben. Das funktioniert nicht ohne ein neues Bewegungsvokabular. Bereits im ersten Akt, der in einer Disco spielt, wo sich zwischen Mitternacht und Morgen die Paare finden und wieder trennen, wird das deutlich. Die naive Odette (etwas kühl: Yoo-Jin Jang) nimmt das Spiel ernst, verliebt sich in den charmanten Rotbart (hinreißend: Oragan Selakovic), der an keiner ernsthaften Beziehung interessiert ist und sie bald wieder fallen lässt. Thoss teilt das Drama, im Ablauf an die traditionelle Version von Petipa/Iwanow angelehnt, zwischen Rotbart, Siegfried und Odette in vier Akte, zwei bunte, zwei weiße. Mit eckigen, verschraubten Bewegungen erzeugt er die wilde Partyatmosphäre, in der Gefühle keinen Platz haben. Überraschend, dass die Musik Peter Tschaikowskis (live gespielt von den Bochumer Symphonikern unter Rasmus Baumann mit der schmachtenden Solovioline von Cordula Mercks) auch diese völlig andere tänzerische Interpretation trägt und erträgt. Ein Zeichen, wie modern der russische Komponist gedacht hat. Die beiden weißen Akte werden von den Schwänen - Männer und Frauen im schmutzigen Gefieder als Symbol des Rückzugs der tief gekränkten Odette ¬- getragen. Hier erinnern Armbewegungen und Aufteilung des Corps immer wieder an die klassische Vorlage, auch wenn Thoss den musikalischen Duktus neu aufgeteilt und gekürzt hat. Doch auch in den weißen Akten gleitet das Ensemble niemals in klassisches Schwanengewedel ab, stellt eher unelegante Schwäne dar (Mats Ek schaut herüber), die an die ebenfalls von den Männern betrogenen Willis (Gisèle) erinnern. Als Siegfried (etwas konturlos: Tomás Ottych) um Odette wirbt, vergisst sie ihre Verletzungen und verliebt sich noch einmal. Die Schwäne wissen, dass das schief gehen muss. Die ZuschauerInnen, mit der Handlung vertraut, wissen es auch. Und so kommt es, wieder in der Disco, wie es kommen muss: Siegfried bandelt mit Odile (berückend und verführerisch: Yulia Tsoi) an, Rotbart sorgt dafür, dass Odette den Untreuen beobachten kann. Sie verwandelt sich wieder in den unnahbaren Schwan. Der fulminante Höhepunkt des Dramas in Weiß gibt Gelegenheit für großartig aufwühlende Pas de deux. Siegfried will zu Odette zurückkehren, doch sie hat genug von ihm und auch Rotbart, der endlich eine Ahnung von echten Gefühlen bekommt, kann nicht mehr landen. In einem nahezu mörderischen Kampf lässt Odette all ihre Enttäuschung und Wut heraus - mit Mühe rettet Rotbart sein Leben. Schwer verwundet sind alle drei. Nur was mit Odette passiert, erfährt man auch bei Thoss nicht. Mag sein, dass die Alternativbesetzung am Sonntag nicht gleich zu ihrer Hochform gefunden hat. Der erste Akt schleppt sich dahin, Emotion und Interesse wollen nicht aufkommen. So richtig gepackt werde ich von dieser Schwanensee-Version erst im letzten Akt, da lässt auch Yoo-Jin Jang als Odile die asiatische Maske fallen und zeigt ihr gebrochenes Herz in ekstatischen Bewegungen, die im Verein mit Tschaikowskis Musik auch in der Zuschauerin einen Gefühlssturm auslösen. Der tänzerische Reiz des Abends entsteht durch die perfekte Beherrschung der ungewohnten ausdrucksstarken Bewegungen der klassisch ausgebildeten Compagnie des Aalto Balletts (Theater Essen). Das wirkliche Wagnis ist jedoch die Zersplitterung, Neuaufteilung, Kürzung und Umstellung der musikalischen Teile des Balletts. Dass dies perfekt gelungen ist, spricht für Tschaikowski und Thoss und kann nicht oft genug betont werden. |
Ditta Rudle |
Online am: 25.01.2008, © www.tanz.at |