Verschachtelt |
Paul Wenninger erzeugt aus Fragmenten Bilder im Kopf |
tubed, Tanzquartier Wien, 10.01.2008. |
Ein weißes Tuch (Leintuch, Leichentuch?) auf der Wiese feucht geworden, färbt sich auf dem Tisch rot. Mord. Die Frau steht mit dem Polster in der Hand vor dem schlafenden Mann. Noch ein Mord. Oder bilden wir uns das nur ein. Können die roten Flecken auch vom verschütteten Wein stammen, wird der Polster nur ausgeschüttelt? Gekonnt spielt Paul Wenninger in seiner neuen Performance tubed (verrohrt) mit dem konditionierten Gedächtnis, mit den Vor-Urteilen des Publikums. Wir erkennen, was wir kennen!, bietet das Programm, in Anknüpfung an die Produktion Imbue als Merksatz an. Drei Tänzer (Michael O'Connor, Gerwich Rozmyslowski, Paul Wenninger) und zwei Tänzerinnen (Magdalena Chowaniec, Rotrau Kern) bewegen sich scheinbar zufällig und spontan auf der mit Quadern und Kuben aus Pappendeckel voll gestellten Bühne (Leo Schatzl), stellen die Schachteln auf und legen sie um, arrangieren sie zu Gruppen und Türmen. Ganz klar: sie möblieren Räume. Bald stellen sie auch kleine Objekte auf, Lampen, Vasen, Teller und Besteck. Fragmentarische Szenen entstehen. Man sitzt bei Tisch, aalt sich auf der Couch, betrinkt sich sinnlos und sieht das gesamte Zimmer in Schräglage. Mit den für Wenninger typischen streng formalen, eckigen Bewegungen führen die Fünf ihren Tanz auf, erobern immer neu entstehende Räume. Was der Tänzer und Choreograf beweisen will, gelingt mühelos: Im Kopf entstehen aus den zusammenhanglosen Szenen spannende Geschichten. Reine Form, bedeutungsloses Agieren, sinnloses Handeln, nicht einzuordnende Objekte mag das Gehirn nicht verarbeiten und unterlegt dem Tun und Lassen Sinn und Narration. Im Arrangement der Schachteln sehen wir Tisch und Bett und Schrank und Stuhl. Der sich betrinkende Sportler hat sicher ein Dopingproblem, das Paar im Restaurant steht vor der Scheidung, die allein am Tisch sitzende Frau sehnt sich nach Liebe. Doch die TänzerInnen agieren nicht mit Emotionen, verziehen keine Miene, treten nicht in Kontakt miteinander, sind selbst längst Objekte geworden, die verschoben und arrangiert werden, wie die leblosen Versatzstücke. Wenninger arbeitet genau und formal präzise und hat mit dem in Wien lebenden Schweizer Reto Schubiger einen großartigen Lichtregisseur eingesetzt, der subtil und mit weichen, überraschenden Übergängen den im Kopf entstehenden Geschichten eine ganz eigene Aura gibt. Wenninger spielt mit den Erwartungshaltungen des Publikums und eine davon ist wohl auch, dass eine abendfüllende Vorstellung eine bestimmte Länge haben muss. Diese zu erfüllen, führt, nicht nur bei tubed, zu Redundanzen und Längen. Diesseits und jenseits der Rampe sollte man von Goethe lernen: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Wo bei sicher ist, dass Goethe ein Topfenliebhaber war. |
Ditta Rudle |
Online am: 14.01.2008, © www.tanz.at |