Verplempert

Elio Gervasi verschleudert eine schöne Idee.

Aria, Tanzquartier Wien, 18.12.2007.

Die Seitenwände des großräumigen Guckkastens bestehen aus schwarzen, die Rückwand aus weißen Luftballons. Scharf abgegrenzte Lichtkreise zeigen den drei Tänzerinnen ihren Platz, geben ihnen die Wege vor. Solo, Duo Trio, eine lineare Struktur bildet sich. Hintereinander, miteinander, nebeneinander, in der Diagonale aufgereiht, bewegen sich Leonie Wahl, Anna Nowak und Kenia Bernal Gonzales wie ferngesteuert. Wahl und Nowak setzen eckige Akzente, Bernal Gonzales bewegt sich federnd und weich. Später kommen vier Männer dazu (Paolo Baccarani, Alexander Gottfarb, Radoslaw Hewelt und Karl Schreiner) hinzu, das Licht löst sich im Raum auf, die Bewegungen werden flüssiger, schwungvoller, die sieben TänzerInnen sind nicht mehr auf einer Position festgenagelt, sie dürfen den durch die Ballonwände schwebend wirkenden Raum erobern. Der ist, ebenso wie die farblich fein abgestimmten Kostüme von Ricardo Cosendey gestaltet.
„Aria“ - ein luftiges kompakt strukturiertes Tanzstück zu ostinaten sanft einschläfernden Klängen (Jean Paptiste Marchand), ein Wechsel von Linien und Formationen im unterschiedlichen Zusammenfinden und Auseinanderdriften der Körper. Manchmal platzt ein Luftballon und erinnert an die Vergänglichkeit des schönen Scheins. Eine delikate Arbeit von etwa 40 Minuten.
Doch der Fluch des abendfüllenden Programms lässt Choreograf Elio Gervasi der feinen Aria noch einige plumpe Aperçus nachschicken. Zum Beispiel mit einer Assoziation zu Sergio Leone. Möglicherweise denkt der Choreograf aber auch an eine Position aus dem Kamasutra. Jedenfalls schluchzt die Mundharmonika, die Tänzer beugen sich zur Brücke, die Tänzerin setzt sich oben auf und so hoppeln sie auf allen Vieren im Rückwärtsgang gen Westen. Die Ballonwand öffnet sich, Pferd und Reiterin verschwinden im Abendrot. Wäre auch noch ein eindrucksvoller Schluss. Aber die Chose soll 70 Minuten dauern und nicht nur Tanz zeigen, sondern auch die Welt erklären „Homo ludens“ und „Urknall“ und „Mikro- und Makrokosmos“ lese ich unter anderen gebrabbelten Schlagwörtern im Programm. Na ja, das ist im Kindergarten schon lustig, wenn man nur mit Muskelkraft einen Luftballon im Schritt mal vergrößern und dann wieder schrumpfen lassen kann, oder wenn das Luftballonmännchen sich mit dem Luftballonweibchen so verwurstelt, dass sie beide auf dem Boden kollern. Mit dem ursprünglichen Stück haben diese Einlagen wenig zu tun. Die Arie zerfällt in lauter Splitter, ist versungen und vertan. Schade.

Ditta Rudle

Online am: 28.12.2007, © www.tanz.at