Verspieltes Wunderland |
José Montalvo reist ins Paradies und stellt dort die Welt auf den Kopf |
Paradis, Festspielhaus St. PÖlten, 15.12.2007. |
Ein Sturm legt los. Musikalisch kommt er von Vivaldi, optisch blitzen die klaren Farben des Sommers auf. José Montalvo entführt voll Tempo ins Paradies - in sein Paradies, das er hinter zwei Schichten von Vorhängen freizulegen beginnt. Der sich öffnende Bühnenvorhang gibt nur den Blick auf den nächsten, gefilmten Vorhang frei, der dort, wo die Stoffbahnen auseinander klaffen, noch eine Ebene dahinter sichtbar macht. Manches in Montalvos Inszenierung Paradis ist Sein, manches purer Schein, der Körper Subjekt und Objekt zugleich. Der französische Choreograf (in Zusammenarbeit mit seiner Partnerin Dominique Hervieu) macht sich das bewegte Bild zunutze, um die echte Bewegung auf der Bühne mit neuen Dimensionen zu bereichern. Echte Menschen bewegen sich über die Bühne, virtuelle Menschen queren die Leinwand. Manchmal sind die Tänzer frontal, manchmal von oben gefilmt, getanzte und gefilmte Bewegung verschmelzen gewitzt ineinander, machen Brüche sichtbar oder lassen sich zu einer neuen Bewegungssprache verknüpfen, wo oben und unten neu zu definieren ist. Nicht dass Montalvos Tänzer, insbesondere seine drei HipHopper, auf dem banalen Boden der Bühne, nicht schon genügend Beeindruckendes wider die Schwerkraft leisten würden, dennoch ist es vor allem der unmerkliche und temporeiche Wechsel zwischen horizontalem und vertikalem Hintergrund, der den Zauber dieser Inszenierung erzeugt - ein freudvolles Chaos aus Alltags- und Phantasiewelten, wo Menschen und Tiere einander inspirieren und mit einem Augenzwinkern ein ironisch-liebevolles Statement im Umgang miteinander und dem eigenen Körper abgeben. Jorge Luis Borges hat Montalvo zu seinem 1997 uraufgeführten Stück mit folgendem Satz inspiriert: Ich bemerkte im Laufe der Jahre, dass die Schönheit eine häufige Sache ist, dass kein Tag vergeht, ohne dass wir einen Moment lang im Paradies leben. Montalvo hat diesen Ansatz in Paradis auf sechzig Minuten verdichtet und eine quirlige Botschaft von der Freude des Seins in der Flüchtigkeit des Augenblicks und im humorvollen Auflösen gegebener Ordnungen erzählt.
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Karin Schiefer |
Online am: 28.12.2007, © www.tanz.at |