Fieberträume

Regisseur Peer Boysen enttäuschte das Volksopernpublikum und wurde ausgeschimpft.

Hoffmanns Erzählungen, Volksoper Wien, 15.12.2007.

Die Buhrufe die den lahmen Applaus übertönten, als der Regisseur auf die Bühne kam, ließen die Grundfesten der guten alten Volksoper erzittern. Mit seiner Inszenierung von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ hat Peer Boysen das Publikum verschreckt, auch wenn an den Sängerinnen und Sängern nichts auszusetzen war. Daniela Fally (Olympia), Kristiane Kaiser (Antonia), Adrineh Simonian (Giulietta) und Doris Hindinger (Stella) meisterten ihre Partien musterhaft. Sergej Khomov, der sein Debüt an der Volksoper gab, hat den Hoffmann schon an so manchem Opernhaus gesungen und den unglücklichen Dichter zu seiner Lieblingsrolle erklärt. Am Premierenabend konnte er den ihm vorauseilenden Ruf nicht bestätigen. Aber vielleicht gefiel ihm auch nicht, was der Regisseur ihm abverlangte, einen Hoffmann, der schon zu Beginn mit dem Leben fertig ist, weder an die Liebe noch an die Kunst mehr glaubt, auf den Eros verzichtet, um sich Tanatos in die Arme zu werfen.
Regisseur Boysen, der auch die Kostüme und das Bühnenbild geschaffen hat, lässt den Dichter in einer Zirkusgarderobe zwischen allerlei skurrilen Gestalten von seinen verflossenen Lieben fantasieren. Der Raum ist schmal, weil im Hintergrund durch einen sich drehenden Zylinder begrenzt, in dem die Puppe Olympia, die Sängerin Antonia und die venezianische Kurtisane auftauchen. Von Hoffmann im Fiebertraum gerufen, treten sie hervor, doch der sieht sie kaum, bleibt verhaftet in seinen Albträumen, hat in seiner eigenen Geschichte keinen Platz, schaut den Ausgeburten seiner Fantasie vielmehr teilnahmslos zu. Tempi passati. Den allerletzten Ruf Stellas, „Ich liebe Dich“, hört er schon nicht mehr, da ist er schon aus der Welt geflohen.
Boysen versetzt Hoffmann und damit die ZuschauerInnen in ein Horrorkabinett, in dem die Geliebten Kunstperücken tragen und der Chor mit grausigen Gesichtsmasken und weiß leuchtenden Handschuhen unvermutet auftaucht und wieder verschwindet. Mit farbigem Licht (kaltes Blau, leuchtendes Gelb und düsteres Rot) schafft er eine unwirkliche Atmosphäre, in der sich die Figuren (es sind Figuren und keine Menschen) in einer grotesken Choreografie bewegen. Die Puppe Olympia, eine scheußliche Missgeburt, muss von der stets präsenten Muse (üblicherweise nur im Vorspiel anwesend) bewegt werden, Giulietta sieht mehr einem hungrigen Knaben als einer verführerischen Kurtisane ähnlich und das Böse (die Gegenspieler Hoffmanns, Lindorf, Coppelius, Mirakel, Dapertutto, gesungen von Josef Schneckenbecher), ist keineswegs dämonischer Drahtzieher, sondern Biedermann, behäbig und leutselig. Aber so sind sie ja, die Brandstifter.
Nicht romantische Schönheit hat Boysen im Sinn, sondern die Bilder eines bösen Traumes, der im von Drogen und Alkoholabusus zerstörten Gehirn des verrückten Dichters entsteht.
Auch wenn ich den bekannten Handlungsablauf nicht immer erkennen konnte, so hat Peer Boysens Inszenierung doch eine eigenartige Sogwirkung und ist in sich schlüssig. Sie ist vermutlich den (originalen) Geschichten E. T. A. Hoffmanns näher, als der angenehm üppigen und tatsächlich phantastischen Musik Offenbachs. Dirigiert hat Leopold Hager, im Sinne der Inszenierung nicht schwelgerisch blühend, sondern trocken zurückhaltend. Zum Mitsummen (etwa bei der Barcerole) war da keine Gelegenheit. Das hat sicher irritiert.
Boysen hat den Versuch gewagt, Hoffmanns Erzählungen nicht wie gewohnt realistisch umzusetzen sondern Bilder aus dessen Kopf zu zeigen, scheußliche, verzerrte, verschwimmende Bilder. Das verunsichert, wenn man das immer gleiche Gewohnte bevorzugt und es nicht wagt, sich auf Anderes einzulassen. Vielleicht ist aber auch die Volksoper der falsche Ort für solch eine Interpretation. Im Wiener Schauspielhaus hat Barrie Kosky (2005 unter Airan Berg) Ähnliches versucht und großen Erfolg gehabt. Aber dort ist das Publikum aus einem anderen Holz.

Ditta Rudle

Online am: 17.12.2007, © www.tanz.at