Einmal Dirigent sein!

Der Performer Xavier Le Roy als Imitator scheitert an der Musik

Le Sacre du printemps, Tanzquartier Wien, 14.12.2007.

Wer möchte das nicht einmal versuchen? Ein ganzes Orchester zu leiten, mit sanftem Lächeln dem Fagott den Einsatz deuten, mit weit ausholender Gebärde dem Riesenorchester von 110 MusikerInnen den Rhythmus vorgeben? Ich würde des gerne tun und tue es auch, heimlich zu Hause. Doch die Flöten und Oboen, die Geigen und Bässe folgen mir nicht - die Töne sind bereits konserviert. Die CD läuft, auch wenn ich den Takt falsch schlage.
So geht es auch dem französischen Performer Xavier Le Roy, den die gestische Performance Sir Simon Rattles bei der Probe mit den Berliner Philharmonikern zu Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du printemps“ so beeindruckt hat, dass er sich ebenfalls als Dirigent versuchen wollte. Nur leider, Le Roy hat keinerlei musikalische Vorbildung und muss an Strawinskys grandiosem Werk grandios scheitern. Mit ausgeprägter Mimik und rudernden Armen versucht er die übereinander gelagerten Akkorde, die pochenden Ostinati und Dissonanzen, die exzessive Rhythmik, das gesamte aggressiv stampfende Orchesterwerk zu bewältigen. Doch Strawinsky entzieht sich dem Choreografen - in der Interpretation von Rattle so aufregend und Nerven zerfetzend wie damals vor nahezu 100 Jahren, als Pierre Monteux, trotz des Gebrülls im Publikum ungerührt dirigierend „wie ein Krokodil“, das Werk aus der Taufe hob. Die perfekte Klangeinrichtung durch den Tontechniker Peter Böhm (die Lautsprecher sind unter den Sitzreihen der Halle G im Tanzquartier installiert) erlaubte es, die Augen zu schließen, sich zu erinnern und zu genießen.
Doch dazu bin ich nicht gekommen. Also Augen auf und dem Performer zugeschaut, der sich nach der anfänglich „normalen“ Dirigentenposition (Rücken zum Publikum) umdreht und das Auditorium quasi als Orchester benutzt. Wir dürfen dem „Dirigenten“ in die Augen sehen, was auch keine Neuigkeit ist, denn abgesehen von den billigen Orchestersitzen im Konzertsaal, öffnet auch die Fernsehkamera diesen Blickwinkel immer wieder. Le Roy bietet keinerlei Überraschung, deutet Pianostellen mit seinen schönen Händen und beweglichen langen Fingern an, springt kurz auf, wenn die Pauken einsetzen sollen. Gern würde ich an seiner Stelle sein - zu dirigieren bedeutet ja, am Altar zu stehen - die ganze Gemeinde gehorcht meinen Anweisungen. Natürlich kann das Publikum im konkreten Fall nicht gehorchen, es sitzt stumm in den Reihen, wartet auf die komischen Stellen (Pauken + Bässe = aufgeblasene Backen), damit es endlich lachen kann.
Wie zu lesen ist, hat Le Roy ein Jahr lang an dieser Performance gearbeitet und möchte in seinem „Dirigat“ auch Verweise auf andere Versionen des Sacre bringen. Gesehen habe ich das nicht. Rattles Aufnahme entstand übrigens zum pädagogischen Experiment der Berliner Philharmoniker, das Thomas Grube mit dem Film „Rhythm is it!“ dokumentiert hat. Dieser Film bietet wesentlich tiefere Einsichten in die Musik und was sie im Körper auslösen kann, als Le Roys netter Versuch, dem wenigstens nicht vorzuwerfen ist, dass Langeweile aufkommt. Da ist die Musik vor. So ist diese Dreiviertelstunde nicht mehr, als die Erfüllung eines persönlichen Wunsches. Einmal Dirigent sein!

Ditta Rudle

Online am: 17.12.2007, © www.tanz.at