Schwebende Zärtlichkeit

John Neumeier und das Hamburg Ballett feierten mit der Uraufführung des „Weihnachtsoratoriums“ ein Jubelfest.

Weihnachtsoratorium, Theater an der Wien, 13.12.2007.

Festlich beginnt das aus sechs Kantaten von Johann Sebastian Bach zusammengestellte „Weihnachtsoratorium“. Jauchzet, frohlocket. Die Tänzerinnen, in die Glücksfarbe Rot gekleidet, strahlen, breiten die Arme aus, springen in die Höhe, um weich in den Armen der Partner zu landen. Doch die Geschichte beginnt mit einer Völkerwanderung. Der Kaiser wünscht, dass „alle Welt geschätzet würde“. Menschenmassen sind mit Koffern unterwegs. Orientierungslos, verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft klammern sie sich aneinander. Zwei dieser elenden Gestalten haben einen Namen. Josef und Maria, „die war schwanger.“ Diese Begebenheit wird seit zweitausend Jahren erzählt und ist auch jenen vertraut, denen sie nur ein Märchen ist, das von süßlichem Glockenklang und Punschgestank längst profaniert worden ist.
John Neumeier gibt der Geschichte mit der Choreografie der ersten drei Kantaten wieder ihre mythische Bedeutung zurück und erinnert trotz jauchzender Freude am Beginn und in der Reprise des berühmten Chores zum Abschluss auch an das traurige Ende. Das neugeborene Kind muss später am Kreuz sterben. Nach der „Matthäuspassion“ und dem „Magnifikat“ arbeitet Neumeier auch in seiner dritten Bach-Choreografie nicht mit dem Kopf sondern mit dem Herzen. Die TänzerInnen sind weniger Personen einer Handlung, auch wenn Maria und Josef, Hirte und Engel immer wieder erkennbar aus dem Ensemble hervortreten, denn EmotionsträgerInnen. Freude und Hoffnung, Angst und Einsamkeit, Liebe und eine immer wieder aufblühende innige Zärtlichkeit ziehen das Publikum in einen Strom der Gefühle, der die Herzen höher schlagen lässt.
Neumeier hält es mit Bach, der aus weltlichen Kantaten sakrale kompiliert und sich auch immer wieder selbst zitiert hat, und erinnert mit Requisiten (das weiße Frackhemd, die Koffer) und Bewegungen (geknickte Hände, springende Tänzerinnen) an das Ende der Erzählung, die Passion.
Zu sehen ist ein stetiger Wechsel zwischen großen Gesten, Sprüngen, Schwüngen, ekstatischen Pas de deux und minimalen Bewegungen, innigen Gebärden des Schützens und Bewahrens. Oft heben die Tänzer ihre Partnerinnen hoch in Höhe, lassen sie waagrecht fliegen, über den Wolken schweben. Nicht nur der Engel, Blondhaar im weißen Kleid, gibt dem Abend eine schwebende Zärtlichkeit. Neumeier hat diesmal nur ihm, also eigentlich ihr, Spitzenschuhe angezogen, Maria ist barfuss, alle anderen tanzen in Schläppchen. Die klassische Wurzel von Neumeiers Choreografien ist durch gefühlvolle Expressivität überdeckt.
Silvia Azzoni ist dieser Engel, schwebend nicht ohne die männliche Verdopplung, Arsen Megrabian. Anna Polikarpova ist „die Mutter“. Wie aus Stein gemeißelt sitzt sie am Bühnenrand, ihre Augen auf das gefaltete weiße Hemd gesenkt, Symbol für das Windelkind und den Gekreuzigten. „Ihr Mann“ wird von Peter Dingle getanzt, der in seinem Solo die widersprüchlichen Gefühle taumelnd ausdrückt. Dieser Mann, Joseph, versteht nichts und steht doch zu seiner Liebe und Verantwortung. Wie auch in der Matthäuspassion hat Neumeier noch einen Mann eingeführt. Lloyd Riggins stellt mit seinem Tannenbäumchen den Bezug zur Gegenwart her, ebenso wie die vage Bezeichnung der solistisch agierenden Personen. Es ist ziemlich ungerecht, die SolistInnen hervorzuheben, nur weil sie namentlich im Programmheft stehen (auch Carsten Jung als Hirte), denn das Hamburg Ballett besteht bei Licht besehen - und es gibt viel und in allen Schattierungen wechselndes Licht an diesem Abend - aus lauter SolistInnen. Ein solches Ensemble bildet sich nur durch liebevolle, kontinuierliche Führung und persönliche Begeisterung. Glückliches Hamburg!
Der Salzburger Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer, der schon Neumeiers „Messias“ ausgestattet hat, setzt nur eine Licht schluckende Rampe in den Hintergrund und arbeitet dezent mit wenigen mobilen Teilen aus schimmerndem, durchscheinendem Material. Hinter diesen Fenstern bewegen sich die Engel als Licht bringende Wesen.
Allessandro de Marchi dirigiert die Wiener Symphoniker in keineswegs oratorienhaftem, flüssigem Tempo, das TänzerInnen und SängerInnen einfühlsam unterstützt. Christoph Prégardien singt den Evangelisten und die Tenorarien präzise, ihm steht, auch an Textverständlichkeit, Kristina Hammarström (Alt) nicht nach. Die junge Sopranistin Christiane Karg und der Italiener Vito Priante bestehen ebenfalls. Sie dürfen auch oben auf der Bühne stehen und das Publikum hat keine Schwierigkeiten zu hören und zu verstehen. Was dem Arnold-Schönberg-Chor nicht beschieden ist. Der meisterliche Chor ist in den Orchestergraben verbannt, nur von den ersten Reihen aus zu sehen und klingt daher dumpf, vom Text ist kaum ein Wort zu verstehen. Aber Neumeier geht es ohnehin nicht um die Worte, um das parallel Interpretieren oder das Nacherzählen einer Geschichte. Ihm geht es, so sagt er im Interview, um das Überdenken des Mythos, das Meditieren zu Musik und Bewegung. Der Jubel - leider ausbrechend noch vor dem Fall des Vorhangs - bestätigt, dass das Publikum den Choreografen verstanden hat.


Ditta Rudle

Online am: 17.12.2007, © www.tanz.at