The Lady and the Genius |
Finale des Festivals Cranko moves Stuttgart mit einem Gala-Abend,
der alle Pas de deux aus Crankos Piecen beinhaltet. |
Gala-Abend, Stuttgarter Oper, 01.12.2007. |
Wie Ballettchef Reid Anderson in seinen einleitenden Worten anführte, der Abend gehört John, aber er ist Marcia Haydée gewidmet; werden John Crankos Werke überall auf der Welt getanzt - also lag es nahe, für den Abschluss der Celebritäten die Welt nach Stuttgart zu holen und die Gäste ihre Interpretationen zeigen zu lassen, gekoppelt mit interessanten Einstudierungen aus den eigenen Reihen. Daher geht es hier nicht um möglichst circensische Attraktionen, sondern um feine hohe Tanzkunst. In einem an Höhepunkten reichen Abend seien dennoch einige besondere Glanzlichter hervorgehoben. Allen voran steht Polina Semionova (Staatsballett Berlin), die mit ihrem kürzlich erfolgten Tatjana-Debut in Stuttgart bereits die Herzen der Zuschauer im Flug erobert hat. Sie zeigt im Spiegel-Pas de deux aus Onegin, wie sie mit ihrem fabelhaften Partner Jiri Jelinek bereits eins ist, wie die tänzerische und seelische Übereinstimmung passt, wie sie glückselig beflügelt den Traum erlebt und er beinahe dämonisch seine faszinierende Aura ausstrahlt. Ovationen! Auch Alina Cojocaru reisst das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin - ihre Tatjana im Trennungs-Pas de deux ist mädchenhaft und fraulich-reif zugleich. Wunderbar, wie sie innere Stärke und zugleich emotionale Erschütterung sichtbar werden lässt und als persönliche Nuance am Ende vor den Papierfetzen des von ihr zerrissenen Briefes innehält. Johan Kobborg als Partner (beide vom Royal Ballet) kann da nicht ganz an darstellerischer Überzeugungskraft mithalten. Sein Onegin wirkt (wegen der schlechten, weil zu alt machenden Maske?) befremdend, wie wahnsinnig, obwohl der Eindruck wie ein seelisches Wrack am Ende seiner Kräfte durchaus passend wäre. Der Dritte im Bunde der zu recht ganz besonders Bejubelten ist Egon Madsen. Der 65jährige Tänzer aus dem damaligen Cranko-Tänzer-Kleeblatt Haydée-Keil-Cragun-Madsen hat nichts an Persönlichkeitswirkung verloren, egal was er (oder wie er mehr oder weniger) tanzt. an Sein Auftritt mit Eric Gauthier (Gauthier Dance Company) als Clowns aus The Lady and the Fool bildete den grandiosen Schlusspunkt der fast 4 _ stündigen Gala. Als der Schlussspot auf Marcia Haydee gerichtet ist, brechen erneut Beifallsstürme und Ovationen aus. Auch, weil es in den viereinhalb Stunden wirklich viel aufregende Pas de deux zu sehen gab. Entzückend der Balkon Pas de deux (ohne Balkon) aus Romeo und Julia. Zhang Jian und Hao Bin vom Chinesischen Nationalballett gefallen außerordentlich mit ihrer zarten, beinahe schüchtern gezeigten ersten aufkeimenden Liebe. Lokalmatador Filip Barankiewicz begeisterte erwartungsgemäß mit seinem Auftritt in Der Widerspenstigen Zähmung, ihm zur Seite die Ex-Stuttgarterin Roberta Fernandes (jetzt beim Bayerischen Staatsballett) als sehr erfreuliches Wiedersehen, obwohl ein fast outrierendes kratzbürstiges Käthchen. Zum Niederknien schön die Legende mit der einzigartigen und so grazilen Sue Jin Kang und dem großartigen Jason Reilly, der die komplizierten Hebefiguren - v.a. minutenlang am Ende, unbeschreiblich locker hält und hält
Die elfenhafte Elisabeth Mason gefiel sehr gut mit Aus Holbergs Zeit; ihr Partner war Alexis Oliveira. Wie ein impressionistisches Gemälde hingetupft der schlicht Pas de deux genannte elegische Tanz. Empfindsam Katja Wünsche und Marijn Rademaker, bei denen gleichsam als Hommage in der Hommage als Hintergrundprojektionen Fotos von John Cranko eingeblendet sind. Spürbar wurde Leidenschaft bei Elena Tentschikova und Douglas Lee mit Carmen; umwerfend komisch Maiko Oischi (Leipziger Ballett) mit Alexender Zaitsev im 2.Pas de deux aus Der Widerspenstigen Zähmung. Als sanftes, liebendes Weib gab sich Caroline Cavallo (Königlich Dänisches Ballett) als Tatjana im Pas de deux mit dem umsichtig-feinsinnigen Nikolay Godunov als Fürst Gremin. Beachtenswert in dieser hochkarätigen Tänzerriege die Leistung der John Cranko-Schule, die sich eingangs mit L`estro Armonico präsentierten. Ein wenig unklar blieben die Intentionen von Ambra Vallo und Tyrone Singleton (Birmingham Royal Ballet) mit ihrer Version von The lady and the Fool. Knallharte Technik zeigten Marcela Goicoechea und Luis Ortega (Ballet de Santiago de Chile) im Schwarzen Schwan-Pas de deux; knisternde Funken an erotischer Ausstrahlung und Anziehungskraft war dabei aber nicht zu spüren. Zwar stimmig der Abschieds-Pas de deux aus Romeo und Julia getanzt von Kirsty Martin und Matthew Lawrence (Australian Ballet), er hätte aber ruhig noch doch ausdrucksstärker ausfallen dürfen. Das Orchester abwechselnd unter der Leitung von James Tuggle bzw. Wolfgang Heinz spielte sehr inspiriert. Fazit: Vier Sternstunden des Tanzes, abwechslungsreich zusammengestellt, feinfühlig getanzt und nie langweilig.
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Ira Werbowsky |
Online am: 13.12.2007, © www.tanz.at |