Therapiestunde

Bewegungsrezepte gegen Allerweltsbeschwerden

Tonic, Tanzquartier Wien, 29.11.2007.

Sie leiden an allem Möglichen. Körperliche Beschwerden beeinträchtigen ihr Wohlbefinden ebenso wie der Zustand der Welt, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Einsamkeit und Unfähigkeit miteinander zu kommunizieren. Deshalb unterhalten sich der Mann mit Irokesenfrisur und die Frau à la Garçonne nicht verbal miteinander, auch wenn sie einander, an zwei Tischen vor dem Laptop sitzend, ins Gesicht sehen können. Sie schreiben E-Mails, die als Projektion auf Englisch zu lesen sind. Auf den Tischen stehen allerlei Tinkturen, Pasten und Pillen in Gläsern, doch die beiden haben bessere Ratschläge zur Heilung ihrer diffusen Leiden: „Springen wir ein wenig herum.“ Gesagt getan. Wie aufgezogen hüpfen Simone Aughterlony und Nic Lloyd neben ihren Stühlen. Bewegung als Heilmittel.
Auf Vorschlag von Tim Etchel (Forced Entertainment) zeigte die in der Schweiz lebende 30jährige neuseeländische Choreografin (als Tänzerin in Meg Stuarts Company „Damaged Goods“ aufgefallen) beim Münchener Nachwuchsfestival „What's next?“ (im Rahmen des Theaterfestivals „Spielart 2007“) Anfang November ihre jüngste Arbeit „Tonic“. Ende November war „Tonic“ mit Unterstützung der Schweizerischen Botschaft in Wien zu sehen.
Dem Programmheft entnehme ich, dass Aughterlony mit „Tonic“ „die therapeutische Wirkung choreografischer Mittel und Methoden … untersucht.“ Partner Lloyd darf also so lang wie ein Derwisch um die eigene Achse kreiseln, bis auch den Zuschauerinnen ganz schwindlig ist. Später darf er mit Klauen und Zähnen, Grunzen und Knurren gegen einen Gartenschlauch kämpfen, dem ausgerechnet in dem Moment, da er sich in schwarzer Unterhose brausen will, das Wasser abhanden kommt. Das schenkt ihm glucksendes Gelächter aus dem Zuschauerraum. Auch als die Partnerin ihm aufträgt, Bescheidenheit zu üben, indem er sich als Tierimitator von einer Giraffe in ein Eichhörnchen verwandelt, ist das Publikum beglückt. Aughterlony zeigt sich als Marionette, schlenkert die Gliedmassen, schüttelt den Körper, bleckt die Zähne als grinsendes Covergirl und verpasst sich selbst eine Schlammpackung, die dann, getrocknet, als Staub abgebürstet wird. Zaghaftes Gelächter als Belohnung. So ganz genau weiß niemand, wo das Kabarett anfängt und die ernsthafte Untersuchung aufhört. Während der Computer-Korrespondenz liegt der Raum im Halbdunkel, während der Schütteltänze wird er hell ausgeleuchtet und mit blauen, roten und weißen Plastikbahnen hübsch dekoriert. Stolz bläht sich Lloyd, wenn es ihm gelingt diese mit einem einzigen Kick quer über den Bühnenraum zu entrollen. Der stumme Dialog schlängelt sich langsam zum A und O aller Antriebskräfte der Welt: Eros und Tanatos. Eros bleibt der Sieger, wie in jedem E-Mail-Kontakt.
Trotz der zum Lachen reizenden Einlagen, trotz Aughterlonys ausdrucksvoller Mimik und der Beweglichkeit ihres schmalen Körpers, trotz Lloyds exzessiver Akrobatik, fügt sich die Performance nicht zu einem Ganzen. Für einen durch ein paar witzige Einfälle mäßig unterhaltenden Abend zweier begabter SelbstdarstellerInnen sind aber 90 Minuten viel zu lang. Und was ist das Ergebnis der Unersuchung, dieser heiligen Pflicht aller PerformerInnen?

Ditta Rudle

Online am: 06.12.2007, © www.tanz.at