Die Qualtiät des Augenblicks

Sebastian Prantl verdichtet seine künstlerische Recherche in seinem neuen Solo auf eine knapp einstündige real-time-composition.

Kairos 07 in[ter]vention, Tanz Atelier Wien, 05.12.2007.

Ein Mann mittleren Alters, vermisst seinen Raum mit langen Bambusstangen, gestaltet ihn mit bunten Körnern, während die Welt draußen (auf Video) an ihm vorbeigleitet. Er füllt den Raum mit Bewegung, sein Tanz schafft Inseln oder zerstreut Momente der Dichte. Er ist nicht mehr jung, aber sein Körper ist noch immer beweglich. Mit zwischendurch angedeuteten klassischen Tanzschritten scheint er sich des Tänzers aus einer anderen Zeit zu erinnern.
Er umspannt den Raum mit Nylonfäden, bildet daraus eine Struktur, in der er sich zu verheddern droht. Doch bevor das passiert, bricht das Geflecht in sich zusammen. Wenn er an der äußeren Welt Anteil nimmt, manipuliert er sie, greift in sie ein. Seine Bambusstange wird zum Zauberstab, dessen Berührung Wasser wie magisch verdampfen lässt und einen Tropfen zum Aufstülpen bringt - kleine, unaufgeregte Wandlungen.
In diesem sorgfältig gestalteten Universum herrscht Einsamkeit. Doch nach und nach nimmt er die Menschen, die um seinen Raum herum sitzen, wahr, bezieht sie in seine Aktionen ein, macht sie zu seinen Komplizen und lädt einige schließlich zum Mitspielen ein. Auch sie wird er gestalten und ganz gezielt in seiner Welt positionieren. Er wird sie mit einem Bindfaden umgarnen, erneut ein Gebinde schaffen, das von seinen Mitspielern schließlich wieder aufgelöst wird. Sie bleiben dennoch mit ihm verbunden, während er sich zur Musik von Philipp Glass dreht und dreht, als ginge es darum die Zeit mit seinen Umdrehungen einzufangen.
Das Geschehen entwickelt sich im Gleichklang mit dem Video, das von anfänglichen Kamerazügen über Landschaften zu zwischenmenschlichen Aktionen übergeht und am Ende in einer Animation von Zierfischen mündet, die der Zauberer mit seinem Stab in eine Blase treibt, um sie danach wieder daraus zu befreien.
Sebastian Prantl hat mit „Kairos 07 in[ter]vention“ die Essenz seiner langen, konsequent verfolgten, künstlerischen Recherche zu einer etwa einstündigen real-time-composition verdichtet. Als Zuschauer fühlt man sich in seinem Raum wie auf einer Insel, in der die Zeit angehalten scheint. Die Nähe zur fernöstlichen Kultur ist greifbar. Mit seiner Fähigkeit, Räume zu beleben, löst er mit minimalen Mitteln ein weites Spektrum an Emotionen aus. Die Atmosphäre wandelt sich von ernsthaft-beklemmend über heiter-gelassen bis zu ironisch-komisch, sie ist hypnotisch und verfänglich - man kommt dem Zauberer nicht aus.
Das liegt nicht zuletzt an der sorgfältig zusammengestellten Musikdramaturgie von Stücken mit einer gemeinsamen Thematik: von New Yorker Komponisten David Lang, von Ligeti und Philip Glass teils vom Band, teils von Cecilia Li wunderbar musikalisch auf dem Klavier gespielt.
Der Name Prantl steht heute für authentische Performance, in der nichts mehr vorgegaukelt oder vorgespielt wird. In diesem Zusammenhang ist auch das einfache Abendprogramm erwähnenswert, das kurz und zutreffend auf die einzelnen Teile des Abends eingeht - was darauf steht, wird eingelöst: Kairos - die Qualität des Augenblicks.
Noch zu sehen am 7. und 9. Dezember.
www.tanzatelierwien.at

Edith Wolf Perez

Online am: 06.12.2007, © www.tanz.at