Sieben gelungene Streiche |
Schabernack zu Rossinis Musik. Daniil Simkin und Denys Cherevychko brillieren als schlimme Buben. |
Max und Moritz, Wiener Volksoper, 10.11.2007. |
Die beiden bösen Buben sind nicht umzubringen, auch wenn Wilhelm Buschs berühmte Bildergeschichte nicht gerade als pädagogischer Ratgeber gilt. Eher sind die sieben Streiche von Max und Moritz ein Riesenspaß für Jung und Alt, bei dem eigene Bosheit und tiefschwarzer Humor wunderbar kathartisch ausgelebt werden können, ohne zu schaden oder Schaden zu nehmen. Schon Buschs Zeichnungen sind von nahezu tänzerischer Bewegtheit, man denke nur an den spektakulären Sturz, den der Schneider Böck vom angeknacksten Steg tut oder mit welch eleganten Schritten Lehrer Lämpel zur heimatlichen Hütte trippelt. Keine Überraschung also, dass Max und Moritz höchst lebendig auf der Ballettbühne agieren, samt sämtlichen Leidtragenden, die ja so unschuldig auch nicht sind. Die Idee in die Tat umgesetzt hat Edmund Gleede 1984 als er Ballettchef am Münchner Nationaltheater war. Als musikalischen Turboantrieb stellte er ein Potpourri aus Kompositionen von Gioacchino Rossini (Ouvertüren und Ballettmusiken) zusammen; die Choreografie besorgte, getreulich nach Busch, der 1986 verstorbene Tänzer Peter Marcus. Die sieben Streiche sind gelungen. Von München bis Krefeld, von Belgrad bis Eisenach feierten Max und Moritz Triumphe als über die Bühne wirbelnde Lausbuben. Nun auch an der Wiener Volksoper. Ferenc Barbay, der erste Max, und Michael Kropf, Schneider Böck der Münchener Uraufführung, haben die spritzige Komödie für die Volksoper aufgemöbelt und neu tapeziert, auch etwas verlängert, was trotz zusätzlicher Rossini-Musik dem Spaß ein wenig an Tempo nimmt. Für das Bühnenbild, als wär's von Busch gemalt, ist der auf Spektakelinszenierungen spezialisierte Manfred Waba, Produktionsleiter und Effektdesigner der Opernfestspiele St. Margarethen, verantwortlich. Die farbenrpächtigen Kostüme stammen von Friederike Singer. Um die Liste vollständig zu machen: Die Orchestrierung besorgte Béla Fischer, Ballett-Korrepetitor an der Ballettschule der Bundestheater: dirigiert hat das Orchester der Volksoper Andreas Schüller mit Verve und Drive. So vertraut die Geschichte, so frech die Streiche, so originell das Bühnenbild - die Tanzposse funktioniert nur, wenn Max und Moritz, jung, humorvoll und tänzerisch hoch qualifiziert, vorhanden sind. Dem Ballett der Staatsoper und Volksoper stehen mit Daniil Simkin (Max) und Denys Cherevychko (Moritz) zwei Tänzer zur Verfügung, die sämtliche Voraussetzungen erfüllen. Sie tanzen, springen, purzeln, wirbeln als personifizierte Lausbuben nimmermüde über die Bühne. Was tut's da, dass so manche Drehung, so mancher Hand- und Kopfstand mehr aus Übermut denn aus dramaturgischer Notwendigkeit explodiert. Die übrigen SolistInnen sind als Comicfiguren angelegt, was zum Outrieren animiert. Zurückhaltend tanzt (auf Spitze) Samuel Colombet die Witwe Bolte, deren zu Unrecht gescholtener Spitz (Benedict Gromann) nicht nur behände auf allen Vieren läuft sondern auch wunderhübsch Männchen macht. Mit Max und Moritz erfüllen Ballettdirektion und Choreografie einen uralte Theaterweisheit, die auch diesmal nicht versagt: Kinder und Tiere. Die Kinder kommen aus der Ballettschule der Wiener Staatsoper und dem Kinderchor der Volksoper; die kleineren Tiere (vor allem die krabbelnden, zappelnden Maikäfer) ebenfalls. Die großen (Schwäne Hühner, Enten) aus dem Corps. Da gibt es viele gelungene - etwa die winzigen wuselnden Maikäfer oder das Ballett der Feuerwehrmänner - und einige überflüssige - etwa die Tortenschlacht oder vier Putzfrauen in Spitzenschuhen - Einlagen, wie überhaupt die Einfälle nicht ökonomisch verteilt sind. Der zweite Akt fällt deutlich ab. Dennoch war der Premierenapplaus voll herzlichem Jubel, Dass bereits Vorstellungen eingeschoben werden, zeigt dass die (Marketing-)Strategie aufgegangen ist. Beste Unterhaltung für die ganze Familie und zugleich den BallettschülerInnen Auftrittsmöglichkeiten zu bieten, was wiederum regen Publikumszustrom aus der Verwandtschaft garantiert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es muss nicht immer edle Klassik im Prinzenwams sein, auch Klamauk und Purzelbäume haben ihre Berechtigung, zumal sie so virtuos dargeboten werden. Dass Max und Moritz nicht umzubringen sind, zeigt ein Regieeinfall am Schluss. Während die boshaften Teenager in der Schrotmühle zerstückelt werden, hüpfen ihre Miniaturklone, putzig und noch recht schüchtern, aus dem Buschalmanach. Die Komödie lebt, die Bosheit stirbt auch nicht. www.volksoper.at www.dasballett.at
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Ditta Rudle |
Online am: 19.11.2007, © www.tanz.at |