Im Liebesgarten |
Auch mehr als zehn Jahre sind kein Alter für Preljocajs Mozartchoreografie. |
Le Parc, Scala di Milano, 27.10.2007. |
Leicht trägt das Ballett von Angelin Preljocaj seine 13 Jahre auf den zierlichen Schultern. 1994 lud Le Parc in Paris zum ersten Mal zu einem Spaziergang durch den Liebesgarten ein und wurde gleich mit dem Benois de la danse belohnt. 1999 wurde auch die damals eben aufgelegte DVD mit einem Preis (Grand Prix International de Vidéodanse) ausgezeichnet. Isabelle Guérin und Laurent Hilaire (Sterne der Opéra de Paris) kreierten das verliebte Paar, das alle Höhen und Tiefen fröhlichen Getändels und inniger Liebe durchlebt. Als Produktion des deutschen Staatsballetts Berlin öffnete der Park in der Spielsaison 2007/08 seine Tore auch für das Mailänder Ballettpublikum. Preljocajs pfiffige Choreografie wird in den Originalkostümen von Hervé Pierre und in der wunderbaren reduzierten und doch immer wieder wechselnden Parklandschaft von Thierry Leproust aufgeführt. Die Solorollen tanzten Aurélie Dupont (Étoile der Pariser Oper) und Massimo Murru (Étoile in Mailand), das Ballettensemble der Mailänder Scala tändelt und turtelt, liebt und leidet im streng geometrisch angelegten Lustlabyrinth. Preljocaj lässt zwar zur Musik Mozarts tanzen, holte sich jedoch seine Inspirationen aus der französischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Choderlos de Laclos' Liaisons dangereuses sind ebenso präsent wie die Princesse de Clèves der Marie-Madeleine de La Fayette. Gelesen haben muss man keines der Werke, die der Choreograf eifrig zitiert, Mozart live und Amor im Park genügen vollauf zum Genuss eines Abends voll intelligentem Witz. Preljocaj legt seinen Tanz im Park streng symmetrisch an: Prolog, zwei Zwischenakte, Epilog sind vier jungen Gärtnern, in schwarzem Leder mit dunklen Brillen recht verdächtig aussehend, anvertraut. Ihr undurchschaubares Treiben wird von elektronischer Musik (Goran Vejvoda) untermalt und angetrieben. In den Hauptakten tanzen und springen, küssen und zwicken, flirten und zürnen die Liebespaare in üppigen Rokokokostümen - und wenn gar nichts mehr hilft in dem unaufhörlichen ineinander und wieder auseinander Fallen, sinken die Damen reihenweise seufzend in Ohnmacht. Preljocaj ist ein raffinierter Choreograf, der sich mit seiner Mozartiana Le Parc nie wirklich festlegt. Nimmt er die Gefühle ernst oder macht er sich über das, was man so Liebe nennt, nur lustig? Jedenfalls ist da keine Himmelsmacht, eher Erdenlast, nach himmelhoch jauchzend sind am Ende alle zu Tode betrübt. Wie auch immer, die TänzerInnen bewegen sich stilsicher im Wechselschritt zwischen klassischem Ballett auf Spitze und Modern Dance, ganz ohne Schuhe und auch - Mozart verlangt das offenbar - auf allen Vieren. Wer da aller in Preljocajs Park gefrühstückt hat, ist köstlich festzustellen. Aurélie Dupont und Massimo Murru finden erst gegen Ende ihrer drei großen Pas de deux wirklich zueinander, aber das soll wohl so sein, auch die Körper müssen lernen einander zu verstehen. Dann aber tun sie dies perfekt, schmiegsam und harmonisch zu den Andante-Sätzen Mozartscher Klaviermusik, gespielt von Takahiro Yoshikawa. Marcello Rota dirigierte das Orchester der Scala. Frenetischer Applaus belohnte die ProtagonistInnen des kaum zwei Stunden langen Abends. P.S.: Im Herbst waren alle neun Vorstellungen im Teatro della Scala bis zum Juchhe ausverkauft - ein deutlicher Beweis dass man auch mit Intelligenz und Anspruch alle Altersstufen für Ballett begeistern kann. Wobei anzumerken ist, dass das Mailänder Publikum nicht gerade leicht zu begeistern ist.
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Ditta Rudle |
Online am: 19.11.2007, © www.tanz.at |