Cranko moves Stuttgart |
Ballettfestivitäten (25.Oktober bis 1.November) anlässlich des 80.Geburtstages von John Cranko |
Der Widerspenstigen Zähmung, Hommage à Cranko und Onegin, Stuttgart, 25.10.2007. |
Im August hätte der 1973 auf dem Rückflug von einem USA-Gastspiel mit seiner Truppe verstorbene Begründer des Stuttgarter Balletts seinen 80.Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass wurde nun eine ganze Woche Ballett-Festivität geboten - die Stuttgarter wissen zu feiern und taten dies hier ganz besonders hochkarätig. Aufführungen seiner wichtigsten Handlungsballette, ein Vortrag vom Ballettintendanten Reid Anderson und zwei mehrteilige Abende (Hommage à Cranko bzw. Cranko moves 1) setzen die passenden würdigen Akzente, einem Phänomen vom Rang eines John Cranko entsprechend zu huldigen. Über den Tänzer, Choreografen und Schöpfer des Stuttgarter Ballettwunders ist schon sehr viel gesagt und geschrieben worden - er ist Meilenstein und Maß aller Ballett-Dinge zugleich, zählt zu den bedeutendsten Choreografen des vergangenen Jahrhunderts und ist durch seine vielen immer noch allerorten am Spielplan stehenden Werke unsterblich. Ein 150 Seiten umfassendes Programmbuch mit Extra-Besetzungszetteln ist das bleibende Erinnerungsstück an diese Woche voller tänzerischer Höhepunkte.
Der Widerspenstigen Zähmung Die Festivitäten wurden mit John Cranko´s Der Widerspenstigen Zähmung (25.10., Opernhaus; Uraufführung 1969) eingeleitet. Das Stück steckt voller Wortwitz und Situationskomik im ausdrucksstarken Tanz und bietet amüsante Unterhaltung auf höchstem Niveau. Die beiden Protagonisten bestechen in ihren Paraderollen: Sue Jin Kang ist die hantige Katharina, Filip Barankiewicz der sie mit Esprit entwaffnende Petrucchio. In einem grandiosen Spiel um die Liebe, das nie in Klamauk abgleitet, finden zwei Paare zueinander. Köstlich wie Kang sich vom fauchenden Wildkätzchen zum liebenden Weib wandelt. Wie sie in seligem Liebesglück schwelgend, erstmals bis dato unbekannte Gefühle für das männliche Wesen in sich entdeckt. Gezähmt wird sie von dem stürmisch draufgängerischen Barankiewicz, der in atemberaubenden Sprüngen die Bühne sprengt und das Publikum zu entfesselten Ovationen hinreisst. Zunächst ganz ungehobelter Bursche leichtlebiger Denkungsart, wird er zum liebenden Gemahl und erobert das Herz der dahin schmelzenden Katherina. Das andere Hauptpaar findet in Elizabeth Mason (Bianca) und Marijn Rademaker (Lucentio) eine glänzende Entsprechung. Sie begeistert als süße kleine Blonde, die es versteht, kokett bis verführerisch zu locken. Er ist der charmante raffinierte Typ, der seine zwei Mitbewerber aus dem Rennen um die Gunst der Angebeteten wirft. Ergänzend tragen Oihane Herrero und Heather Chin als frivole Freudenmädchen sowie die beiden urkomischen Freier Alexander Zaitsev (Gremio) und Stefan Stewart (Hortensio) zum Gelingen des Abends wesentlich bei, ebenso wie das bestens studierte und sehr animiert tanzende Corps de ballet. Sogar das Orchester unter James Tuggle spielt den etwas spröden Klangteppich von Karl Heinz Stolze begeisternd.
Hommage à Cranko In der gut dreistündigen Hommage à Cranko am nächsten Abend im Schauspielhaus kamen diejenigen Choreografen zu Wort, die von und durch John Cranko beeinflusst waren und die nächsten Generationen an kreativen Tanzschaffenden umfassen, wie Reid Anderson in seinen einleitenden Worten erläuterte. Die großen Vier - John Neumeier, Ji_i Kylián sowie William Forsythe und Uwe Scholz - sollten in je zwei Werken präsentiert werden - und zwar in je einem, das sie für das Stuttgarter Ballett kreiert hatten sowie einem für die eigene Compagnie entstandenem. Dazu gesellten sich die so von Anderson apostrophierten 2 _ derzeitigen Hauschoreografen - Christian Spuck und Marco Goecke sowie der noch tanzenden Douglas Lee. Das Stuttgarter Ballett at its best - eine hochkarätige Compagnie mit ebensolchen Gästen bestritt diesen abwechslungsreich gestalteten Gala-Abend. Beatrice Knop (Staatsballett Berlin) tanzte mit Jiri Jelinek und Nikolay Godunov einen exquisiten Pas de trois aus Rückkehr ins fremde Land (Choreografie: Ji_i Kylián). Alexander Zaitsev begeisterte mit Notations I - IV von Uwe Scholz ebenso wie William Moore mit dem sehr originellen, herb-maskulinen Äffi von Marco Goecke. Ausnehmend gymnastisch mit wunderbar plastisch-geschmeidigen Körpern erwies sich der Pas de cinq aus Dummy Run von Douglas Lee, getanzt von Alicia Armatriain, Alexander Jones, Damiano Pettenella, Stefan Stewart und Sebastian Galtier. Laura O´Malley und Jason Reilly debütierten exzellent in Urlicht, einem sehr klassischen Frühwerk von William Forsythe. Überwältigend schön der dramatische Pas de deux aus John Neumeier´s Kameliendame mit Sue Jin Kang und Marijn Rademaker. Nach der Pause wurde mit einem Pas de deux aus Forsythe´s In the Middle somewhat elevated eröffnet, der virile Roberto Bolle (Balletto del teatro alla Scala) hatte die in modernen Piecen so überzeugende Alicia Armatriain als Partnerin. Berührend gestalteten Maja Veljkovic und Jean-Sébastien Colau (beide vom leipziger Ballett) Dans la Marche von Uwe Scholz. Vom NDT1 kamen Aurelie Cayla und Bastien Zorzetto, um 27.52 (Choreografie: Ji_i Kylián) als eindringlichen Pas de deux zu präsentieren. Sehr stimmig geriet Nacht von John Neumeier, das seine Tänzer Joelle Boulogne, Carsten Jung und Otto Bubenicek vom Hamburg Ballett tanzten. Den Abschluss dieses breiten Tanz-Spektrums bildete ein Ausschnitt aus Das Siebte Blau von Christian Spuck. Die 7 Paare gefielen außerordentlich in der leichtfüßig-musikalischen, subtil-pointierten Kreation.
Onegin Anderntags (27.10.), genau am 40.Geburtstag des Stückes wurde im Opernhaus Onegin aufgeführt. Neben Jirí Jelinek, dem derzeit wohl weltbesten Darsteller der Titelrolle, gab Polina Semionova vom Staatsballett Berlin ihr Stuttgart-Debut als Tatjana. Mag das Duo Kang-Jelinek (das auch die Wiener Premierenbesetzung verkörperte) durch die miteinander längst erworbene 100prozentige Übereinstimmung noch perfekter, befreiter, überzeugender sein, so zeigte sich das höchst kritische Stuttgarter Publikum auch von dieser neuen Konstellation begeistert. Die junge Russin, der Puschkins Melancholie im Blut liegt, war so berührend verträumt, schwärmerisch und jungmädchenhaft wie später demütig liebend als Fürst Gremins Gattin und - noch flammend in ihrem inneren tobendem Kampf um Gefühle und Konventionen die starke, Onegin mit letzter Kraft abweisende Frau. Jelinek verkörpert den gelangweilten Großstadt-Dandy mit nonchalanter Perfidie. Wie er sich innerlich über die Landadelsgesellschaft lustig macht und sie gleichzeitig kaltblütig brüskiert ist so gemein wie genial im Ausdruck: eine indigniert hochgezogene Augenbraue, ein süffisant die Mundwinkel umspielendes Lächeln - er ist die personifizierte Borniertheit und Ursache allen Unglücks. Überwältigend! Katja Wünsche gefiel als natürlich-frische Olga, Evan McKie überzeugte als sensibler, heftig verliebter Lenski, der durch die Provokation seines Freundes Onegin im Duell stirbt. Nikolay Godunov gab den tadellosen Fürsten Gremin. Auch hier erneut ein wunderbar tanzendes Corps de ballet, das berechtigt Beifallsstürme erntete. Und ein motiviert spielendes Orchester unter James Tuggle. Ein glanzvolles Ballettereignis höchster Qualitätsgüte.
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Ira Werbowsky |
Online am: 02.11.2007, © www.tanz.at |