Reisen, um das Glück zu finden |
Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 07, Katalonien, verblüffte mit spezifischem Tanz. |
Viatges a la felicitat, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, 14.10.2007. |
Zum ersten Mal war heuer bei der Frankfurter Buchmesse (10. bis 15. Oktober) nicht ein ganzes Land Ehrengast, sondern eine Region. Katalonien nämlich, die autonome Gemeinschaft im Nordosten Spaniens mit der Hauptstadt Barcelona. Im Begleitprogramm hatte das hauptsächlich dem Tanz zur Verfügung stehende Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt katalanische TänzerInnen eingeladen, einen Überblick über das Tanzschaffen in Katalonien zu geben. Die Folklore mit Volkstänzen, Menschentürmen und den gelb-orange gestreiften Fahnen ist Spanienreisenden hinlänglich vertraut, aber auch der Bühnentanz hat in Katalonien eine lange Tradition. Mit mehr als 20 aktiven Kompanien ist der Tanz (auch das Tanztheater) seit gut 30 Jahren in der zeitgenössischen Tanzszene präsent. Besonders angenehm aufgefallen ist die hohe technische Qualität, die sämtliche TänzerInnen auszeichnet. Auch wenn manche Performerin (ganz vorsichtig nur) in Richtung Konzepttanz schielt, wird nicht geschummelt, das Werkzeug (der gesamte Körper und die Mimik) steht in allen Facetten zur Verfügung und wird geschickt, schwungvoll und präzise genutzt. Beim Studium des gesamten Festivalprogramms und Ansehen der Präsentation des vom Teatre Nacional de Catalunya initiierten Projekts Viatges a la felicitat, überrascht das breite Spektrum an inhaltlichen und stilistischen Einfällen. Auch wenn die katalanische Geschichte der Themenpalette wesentliche Farbe gibt, wird weniger abstrahiert als gefühlvoll personalisiert. So widmet Inés Boza ihre Choreografie La Canción de Margarita den spanischen Frauen, die nicht nur betrunkene Ehemänner, sondern auch Diktatur und Krieg zu ertragen haben. Mit kleinen Episoden, oft ironisch gebrochen, erzählt sie viele Leben. Maria Muñoz lässt für ihr Solo Bach Glenn Gould auf dem wohltemperierten Klavier spielen und zeigt unterschiedliche Miniszenen, die so perfekt studiert sind, dass sie locker wie Improvisationen wirken. Dass auch hier wie bei Sònia Gómez Vicente, die ein Stück mit ihrer Mutter, Rosa Vicente, über die Mutter gezeigt hat und in den vielfältigen Arbeiten für das katalanische Nationaltheater, immer wieder Ironie und Humor mehr oder weniger deutlich sichtbar werden, scheint eine Grundeigenschaft katalanischen Tanzes (katalanischen Wesens?) zu sein. Humor und Ironie sind ohne Klugheit kaum möglich, was den TänzerInnen und ChoreografInnen zugute gehalten werden muss und dem Publikum das Verständnis einer mitunter auch abstrakten Performance erleichtert. 2006 startete das katalanische Nationaltheater eine Initiative, um zeitgenössische Choreografinnen zu fördern und den unterschiedlich arbeitenden Choreografen des Landes ein Forum für neue Projekte zu geben. Im ersten Jahr entstanden Stücke katalanischer und spanischer ChoreografInnen, die als gemeinsamen Ausgangspunkt einen Text des katalanischen Autors Edouard Punset - El Viatges a la felicitat - Die Reise zum Glück - gewählt haben. Das System der Arbeit ist verschlungen: Alle ChoreografInnen sind auch renommierte TänzerInnen und so befruchteten sie sich gegenseitig, wirken in den Stücken der anderen und in den eigenen mit. Zu Gast in Frankfurt waren: Inés Boza, Helga Carafi, Germana Civera, Núria Martinez, Nel.lo Nebot, Thomas Noone, Sol Picó, Montse Sánchez und Jordi Cortés als Choreograf. Eine oder einen herauszuheben, würde den anderen gegenüber ungerecht sein. Gemeinsam boten sie fünf unterschiedliche, traurige und schwungvolle Reisen zu einem unerreichbaren Glück, wobei mich diesmal ausnahmsweise der Inhalt weniger fesselte als die Form. Auch bewegungsloses Stehen in bedauernswerter Nacktheit kann zum Tanzereignis werden, wenn ernsthafte Arbeit dahinter steckt. Die Anziehungs- und Abstoßungskräfte in einer Paarbeziehung lassen sich mit drei Schaumstoffteilen und eigenwilliger Körpersprache auf nie gesehene Weise darstellen und selbst das abgegriffene Zitat einer Talkshow gewinnt neue Dimensionen auf Katalan. Auch die schwungvolle von Flamenco-Elementen inspirierte Darbietung, in der die Geschlechterrollen umgekehrt sind, ist ein Beweis für die Lebendigkeit und Eigenständigkeit des Tanzes aus Katalonien. Warum ich nach Frankfurt fahren muss, um einen langen bereichernden Blick darauf zu werfen, kann ich nicht erklären.
|
Ditta Rudle |
Online am: 24.10.2007, © www.tanz.at |